Ein Roma lebt auf

 

KRAFT DURCH ERINNERUNG

 

Etwa 80 km südöstlich von Prag liegt ein kleineres Konzentrationslager des Nazi-Regimes, in dem ausschließlich Sinti und Roma, etwa 1200 Menschen, kaserniert waren. Von ihnen kamen 300 bis 400 um - in diesem Falle: nicht durch Gaskammern. Auf dem Gelände dieses Lagers steht seit einigen Jahrzehnten, und bis heute nach der Wendezeit, ein Schweinemast-Betrieb mit ca. 13 000 Tieren. Es ist diversen Aktionsgemeinschaften im tschechischen Staat nicht gelungen, auch nicht nach Einsprüchen vonseiten der EU, diesen Industriebetrieb zu verlagern (Kostenpunkt 15 Mill. Euro), und damit Platz zu schaffen für eine Gedenkstätte.

 

Außerhalb des Areals ließ der tschechische Präsident Vaclav Havel eine Gedenktafel anbringen. Zu mehr kam es nicht.

 

Ein 60-jähriger Roma, also etwa 1945 geboren, setzt sich besonders stark und seit Jahren ungebrochen für das Anliegen ein, den Schweinemastbetrieb von dem Areal fortzuschaffen. Seine Worte in einer deutschen Radio-Sendung berichten von seiner Unablässigkeit, Beharrlichkeit und Unerschrockenheit. "Wieso!? Es ist mir nicht gelungen, unser Ziel zu erreichen. Was macht das! Je mehr ich mich dafür einsetze, umso mehr Kraft erhalte ich für die Sache. Das müssen Sie verstehen. So ist es. Ich kann mich nicht über Kräftemangel beklagen."

 

So steht es mit Visionen - sie halten sich gegenüber den tatsächlichen Erlebnissen resistent, und verbleiben in ihrer anfänglichen Gestalt. Ja, die Beschäftigung mit ihnen setzt neue und frische, bislang unbekannte Kräfte frei.

 

 

 

[Th.B. 7/2006]