Die Konsequenz daraus, einen anderen Menschen nicht einsam sehen zu können ....

KRAFT DURCH BEENDEN DER EINSAMKEIT - DIE KRAFT, EINSAMKEIT UND TRAUER ZU BEENDEN - WAS AUS EINEM UNVERMÖGEN, LEID MIT ANZUSEHEN, WIRD

 

Elisabeth Kreuz, 83, lebt seit 10 Jahren verwitwet. Ihr Garten an ihrem Haus an einem der bayrischen Seen steht voll mit bildhauerischen Werke ihres verstorbenen Mannes; in ihrem Haus drängen sich Gemälde von ihrer Hand. Bilder, die die Natur und Menschen ihrer Heimat wiedergeben. Sie hat vier Kinder, eigentlich fünf. Denn das fünfte ist im jugendlichen Alter bei einer Routine-Operation, vermutlich durch einen ärztlichen Kunstfehler, gestorben. Elisabeth Kreuz ist offensichtlich ein Kind ihrer bayrischen Heimat, gesund, froh dreinschauend, welt- und menschenoffen, dem Abstrakten abhold, dem Praktischen zugewandt, 'patent', mit Kräutern und deren Schnäpsen vertraut, familiär, selbstständig, wanderfreudig. Soweit ich es sehen konnte ohne eine graue Haarsträhne.

 

Sie sagt, sie habe sich bei dem Schmerz um den Verlust ihrer 14-jährigen Veronika - die anderen vier Kinder sind auch Mädchen - nicht mehr anders zu helfen gewusst. Sie habe ihn abstellen wollen. Es fiel ihr nichts anderes ein, aber es sei einfach nicht mehr so weiter gegangen, all dieser Schmerz, sie habe ihn nicht mehr haben wollen. Und das ging dann, indem sie einen Ersatz ins Haus holte. Sie holte sich andere Kinder ins Haus. Es waren Pflegekinder. Über die Jahre wurden es vier. Kurzzeitig Aufgenommene waren es fünfzehn.

 

Über dreißig Jahre lang nun bereits lädt sie alleinstehende ältere MS-Kranke allwöchentlich in ihr Haus zu einem gemeinsamen Kreis. Und da ist noch ein Nebenzimmer. Dort liegt eine Sterbende.

 

(Wiederum) die Reporter-Frage: "Woher nehmen Sie die Kraft - nach Ihrem Leben, mit den vielen Kindern! -, jetzt noch eine Frau über Wochen zu sich zu nehmen, die im Sterben liegt?" - "Die Frau ist aus meinem Dorf. Sie hat niemanden. Ich kann sie nicht alleine lassen. An so einem Elend kann ich nicht dran vorbeigehen. Das muss ich einfach tun, sie herholen, damit es mir wieder besser geht. Wenn ich das nicht täte, ginge es mir richtig schlecht. Ich habe nicht zu wenig Kraft. Im Gegenteil. Wissen Sie, da bekomme ich schon Kraft!" Und lächelt, drei Meter vor der Tür der Sterbenskranken, die auch die Kamera ablichtet.

 

Für Elisabeth Kreuz ist diese Sterbende nicht die erste, die sie im eigenen Hause begleitet und aufnimmt.

 

[Sendung ZDF "37 Grad" - Mitte Juli 2006 - ThB]