Eine Einzelne und ein langwährender blutiger Konflikt - eine Erörterung unterschiedlicher Standpunkte und Aspekte

 

 

»Ein spirituelles Konzept funktionierte nicht – in aller Öffentlichkeit - oder doch?«

Der so lang anhaltende Konflikt zwischen Israel und Palästina lockt so manchen im Westen bereits avancierten, und sich Bekanntheitsgrad verschafft habenden Friedensstifter samt seinem Konzept des Friedensstiftens herbei. Diesem Zug unterlag dieser Tage auch Byron Katie („The Work"), die zu einem Vortrag vor Palästinensern aus den besetzten Gebieten (mit Sondergenehmigung in den israelischen Staat eingereist) und Israelis nach Israel angereist war.

Byron Katie’s als patent ausgegebene „Vier Fragen" sind:

Greifen Sie sich einen Gedanken heraus, von dem Sie fest überzeugt sind, und fragen Sie sich:

Ist das wahr?

Kannst Du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?

Wie reagierst Du, wenn Du diesen Gedanken denkst?

Wer wärest Du ohne diesen Gedanken?

Katie fragte vor dem Publikum zu Anfang jede Seite, was sie am meisten an ihrem Nachbarn aufrege. Ein Palästinenser meldete sich als Erster. Er sagte: die Besatzung sei das Schlimmste in seinem Leben; seine Lebensumstände seien unerträglich; es gebe keine Freiheit, er habe immerzu Gesetze zu befolgen; er lebe in der ständigen Gefahr, beschossen zu werden.

 

»Es wird berichtet, dass Katie, nachdem sie einige ihrer Fragen durchgegangen war, ihn fragte: „Was ist schlimmer, die Besatzung oder die Gedanken über die Besatzung?"

„Die Besatzung!", rief der Palästinenser.«

Katie blieb dran. »"Wissen Sie, ich war auch unter Besatzung. Ich hatte eine unglückliche Ehe."«

Katies Vergleich ihrer (durchaus physisch entrinnbaren) Eheprobleme mit dem arabisch-israelischen Konflikt im Nahen Osten kam weder beim Publikum noch bei der Presse gut an.

Ich zitiere den Schlussabsatz des Berichtes aus der Zeitschrift »Was ist Erleuchtung", Winter 2006, Ausgabe No. 22, dem diese Nachricht entnommen ist:

»Es erfordert Mut, sich in solch eine tief verwurzelte Situation von Gewalt und Misstrauen zu begeben, und man kann nicht anders als Katies guten Willen wertzuschätzen. Aber es ist eine Sache, verwöhnte Westler mit vergleichsweise wenigem Leid zu lehren damit aufzuhören, Opfer zu sein. Araber und Israelis zu unterstützen, nach jahrelangen Kämpfen und gegenseitigen Anschuldigungen einander näher zu kommen, ist eine moralische, philosophische und spirituelle Herausforderung von ganz anderer Tragweite. Dafür brauchen wir wohl mehr als vier Fragen.«

Wo im obigen Absatz „Mut" steht, möchte ich setzen: Blauäugigkeit, überzogene Selbstüberzeugtheit, Illusionismus, Selbstüberhebung und -gefälligkeit, Ankündigungssucht und verminderter Realitätssinn. Nicht gerade gute Voraussetzungen für die Entwicklung wahrlich Neuer Konzepte und praktischer Umsetzungen. Wohl eher gute Konzepte, um eine gute Anzahl Gleich-Gesinnter um sich zu scharen und sich in dieser Nische einzurichten.

 

Die Neue Spiritualität geht nicht davon aus, dass eine einzelne Lehrerin / oder ihr einzelnes Konzept kollektive Manifestierungen langanhaltender Art oder solche, die im Begriff sind, sich nach und nach neu und immer wieder zu konsolidieren, umzugestalten vermag. Die Neue Spiritualität ruft zu einem Vereinen der allerhand Spiritualitäten auf – daraus würde dann ein Schuh draus. Die Zeit des Vorgehens einzelner Lehrer ist vorbei.

Konflikte – darum wissen wir seit geraumer Zeit in unserer Biographie – sind Zeiten, wo Emotionen das Feld überlassen ist. In konfliktuösen Zeiten zu Reflexionen über Gedanken aufzufordern und sich als Konfliktlöser vermittels dieser Aufforderung zu präsentieren, kommt einer Entwürdigung des Leides der Opfer der Konfliktteilnehmer gleich.

Ihnen helfen Brücken und in den Strom der eilenden und treibenden Ereignisse hinein gebaute Landzungen, wohin sie sich aus der emotionalen Aufgeladenheit heraus erst mal begeben können und sich beruhigen können - - das steht bei diesen aufs Äußerste erregten Menschen an, es ihnen darzureichen.

Verdeckt existente Missionierungsbegehren, wie ich sie immer wieder unter den zumeist amerikanisch vermittelten spirituellen Konzeptvermittlern beobachten kann, verletzen die Opfer ein weiteres Mal.

[4.] Wer wären Sie, lieber Palästinenser, vor dem heranrollenden israelischen Panzer, der in fünf Meter Entfernung auf Sie zukommt, ohne den Gedanken an diese Bedrohung und an diesen Konflikt?

[2.] Können Sie, Byron Katie, mit absoluter Sicherheit wissen, dass es wahr ist, dass Sie eine Friedensmission in Palästina haben? - - [3.] ....? - - [4.] ....?

~ ~ ~ ~

[12/06 – Th.B.]

 


 

Es macht Sinn, die weiter unten veröffentlichten, unter "Kommentare" stehenden Beiträge, die zu diesem Beitrag erschienen, zuvor zu lesen (sie sind vom Dez. '06 und Jan. '07), bevor der folgende Artikel, der einen Augenzeugenbericht aus der Tel Aviver Veranstaltung darstellt, Dein Gemüt erreicht ....

 

 

[Aus dem Newsletter von Byron Katie von Anfang 2007]

Araber / Juden – Veranstaltung in Tel Aviv (2006)

Es war eine Nacht wie jede andere – außer sie war es nicht, und ich wusste, sie war es nicht – denn ich war in riesiger Vorfreude auf eine Veranstaltung, die in der Universität stattfinden sollte. Es sollte ein Abend sein, durch Byron Katie besonders für Araber und Juden konzipiert, und den ganzen Tag lang spürte ich, wie ich daran dachte und wie ich mich fragte, was bloß wird daraus werden, weil am selben Abend Pink Floyd wieder zusammen auftraten, um ein Konzert für den Frieden in Israel zu geben, und jeder, der nur im entferntesten daran Interesse zeigte, zu der Veranstaltung mit Katie zu kommen, entschied sich selbstverständlich, stattdessen in das Konzert zu gehen.

Allerdings nicht so bei mir. Ich spürte stark, dass etwas wahrhaft frisches Neues aufkommen würde, und für mich ging kein Weg daran vorbei, dort hinzugehen. Pink Floyd hatte ich so viele Male gehört, und, so großartig wie sie waren, das war Historie, und hier war Katie, die ich nur im Web gesehen hatte, Katie, die hierherkam, um etwas, was nie zuvor gemacht wurde, für den Frieden zu tun, und daran war ich wahrlich interessiert. Also brachte ich es hin, eine gute Freundin von mir davon zu überzeugen, mich dabei zu begleiten, und ab ging's.

Meine Freundin ließ mich wissen, dass sie nur zu diesem Abend gekommen war, einfach, um mich nicht alleine gehen zu lassen, egal – der Workshop, den Katie für die nächsten paar Tage angeboten hatte, war ausverkauft, auch der Zusatz-Saal war ausverkauft. Während meine Freundin redete und wir im Wagen fuhren, sahen wir eine junge Frau an der Straßenseite, die mitgenommen werden wollte. Und ich hatte ein Gespür, dass sie in unsere Richtung wollte. „Stop“, sagte ich. „Lasst uns sie mitnehmen – ich wette, sie geht zu der Veranstaltung.“ Ganz bestimmt, das war der Fall, und als sie in den Wagen stieg, bedankte sie sich bei meiner Freundin, dass sie angehalten hatte, und sagte: „Ich bin in dem anberaumten Workshop für den zusätzlichen, beschallten Raum verantwortlich, und ich kann eure Namen mit auf die Namensliste setzen, obgleich der Saal bereits fast voll ist.“ Man braucht das nicht weiter sagen, meine Freundin kam auf die Liste.

Als wir den Saal betraten, war er ganz voll, und der ganze Vorderteil war besetzt mit arabischen Dörflern, mit arabischen Würdenträgern, mit Frauen, deren Gesichter ganz mit Schwarz bedeckt waren (Katie hatte Busse gechartert, die sie zu der Veranstaltung brachten), mit jüdischen Studenten, politischen Aktivisten, die hierhergekommen waren, weil sie merkten, das war eine Angelegenheit, wo es um das Arabisch-Jüdische ging, und weil sie zuvor von Katie gehört hatten, und allerhand andere Leute – der Raum war voll und lärmig. Ein Mann stand auf der Bühne und redete hebräisch, und an der Bühnenseite sah ich eine Frau stehen, und ich merkte, es war Katie (ich erkannte sie am Gesicht, von ihren Bildern).

Katie begann, mit einem arabischen Mann zu arbeiten, dem Leiter einer Sekundarschule, der es mit seinen aufreibenden Gedanken über die israelische Okkupation zu tun hatte. Der Lärm und die Unruhe in dem Saal brachte mich fast auf. Ein israelischer linksgerichteter politischer Aktivist hinter mir schrie zu Katie: „Geh nachhause, Amerikanerin, hier ist keine Seifenoper, hier herrscht wirkliche Besatzung.“ Ich wandte mich ihm zu und sagte: „Sei ruhig“, und meine Freundin sagte: „Sei du ruhig, du machst mehr Lärm als jeder andere.“ „Oh nein, was für ein lärmiges Durcheinander“, dachte ich, „was bloß muss Katie von uns denken – vielleicht, dass es ein Land der Dritten Welt ist.“ In dem Augenblick drehte sich Katie zum Publikum hin herum und sagte: „Lasst uns einfach das Beste mit dem anfangen, was wir haben. Dies kommt als Erstes, und es gibt eine Menge anderer Dinge, die durchzuarbeiten sind, allerdings, wenn wir etwas tun, dann unter einem Entschluss hier an der Stelle, etwas, was der ganzen Welt nützen wird, und laut meiner Erfahrung ist das, was jenseits dessen passiert, was wir sehen können, sehr machtvoll, aus dem Grunde bin ich mit dem Lärm im Klaren, und, lasst uns, während es mit ihm weitergeht, fortfahren.“ Dann drehte sie sich wieder dem Mann zu, mit dem sie arbeitete. Ich fühlte mich erleichtert, und war in der Lage zu hören und zu würdigen, wie schwer Katie damit arbeitete, um den Platz zu halten, damit der Mann auf der Bühne einen Lichtspalt von der Wahrheit erlangen könnte, dass es seine Gedanken über die Besatzung sind, die sein Leiden verursachten. Schließlich, unter Katie's geduldiger und sachter Hilfe, machte er die Kehrtwendung: „Die Besatzung ist nicht das Schlimmste.“ Für mich war verblüffend, zu sehen, wie er das in Betracht nahm, denn er schien mit seinem ganzen Herzen zu glauben, dass die Okkupation das Schlimmste sei, und viele unter den Arabern riefen, die Besatzung sei das Schlimmste. Er hatte es gehörig schwer, sich in Front zu seinesgleichen zu öffnen, und doch sagte er, widerwillig, dass es sein kann, vielleicht sein kann, dass jemanden zu ermorden für ihn schlimmer sein könnte als die Besatzung. Ich weiß nicht, was er in diesem Augenblick verstanden hat, doch schien er sehr bewegt.

Der Zweite, der sich freiwillig dafür meldete, The Work zu machen, war ein jüdischer Israeli, der auf eine Gruppe von Arabern (er nannte sie „Terroristen“) sehr wütend war, die ihn und seinen Freund im Alter von vierzehn schwer geprügelt und misshandelt hatten.

Erzähl uns, was passierte, Süßer“, sagte Katie. Also begann der junge Mann seinen Leidensweg zu schildern. Er und sein Freund gingen eines sonnigen Tages durch die Gegend, als eine Gruppe Araber auf sie zusprang und sie so sehr zurichtete, dass er fast starb. Und er ging in jedes und alle grausamen Details. Er sprach in einem recht ruhigen Ton trotz des Saallärms, und die Zuhörer wurden stiller, damit sie ihn hören konnten. Er schilderte, wie sie ihm seine Knochen brachen und ihm ein Messer durch den Hals stießen.

Was waren deine Gedanken in den Augenblicken, Liebling?“, fragte Katie.

Ach“, sagte der junge Mann, „wie ein Blitz durchschoss ein Gedanke meinen Kopf: 'Ich werde sterben', und in Sekundenschnelle fand ich mich über meinem Körper schweben, von dort schaute ich hinunter. Ich war einfach ein Licht oder sowas. Das war verblüffend. In der Zwischenzeit dachten die Terroristen, ich sei tot, und sie rannten fort, und mein Freund ging los, um Hilfe zu holen, und schnell wie ein Blitz war ich wieder in meinem Körper.“

Was wäre, Liebling, wenn ich dir sagte“, sagte Katie, „dass die einzige Weise für dich, zu erfahren, dass du nicht der Körper bist, diejenige war, durch diesen Leidensweg zu gehen – wärest du dann bereit, ihn noch ein weiteres Mal zu durchlaufen?“

Ja“, sagte der junge Mann sehr klar, und über das Publikum legte sich völliges Schweigen. „Ich würde in einer Sekunde dort nochmals hindurchgehen. Das war die einzigartige wichtigste Erfahrung meines Lebens. Das werde ich nie vergessen. Das hat voll und ganz das geformt, wer ich bin.“

Wie könntest du“, sagte Katie, "diese Erfahrung ohne die Terroristen gehabt haben? Und hast du ihnen ein Dankes-Briefchen zukommen lassen?“

Der junge Mann lächelte.

Ich spürte, jeder, Juden wie Araber, kamen in dem Augenblick zueinander, und, ein neues Verstehen war geboren. Es war völlige Stille, und dann lauter Applaus. „Mein Gott“, hörte ich mich denken. „Sie hat es gemacht und geschafft. Sie drang durch etwas Altes, Abgestandenes hindurch und gelangte zu den Herzen der Menschen. Unglaublich.“ Sogar die Rowdy-Aktivisten unter der Menge mussten dem zustimmen.

Als wir den Saal verließen, waren wir alle umso erleichterter. Araber und Juden vermengten sich untereinander. Wie es so kam - ich ging neben dem arabischen Schulleiter, der bei Katie The Work durchgenommen hatte, und er sagte: „Sie macht es mit kognitiver Psychologie. Ganz bestimmt.“ „Vielleicht“, sagte ich. Und wir gingen weiter. Dann plötzlich sagte er etwas Politisches, und ich konnte spüren, wie ein Streit in mir aufkam, doch, bevor ich die Chance hatte, etwas zu sagen, kam der Aktivist, von dem ich dachte, er sei ein „Rowdy“, daher und redete zu ihm – direkt vor meinem Gesicht -: „Mach dir nicht die Mühe, mit ihr zu reden“ (er meinte mich). „Sie muss immer recht haben.“

Weißt du“, sagte der arabische Mann, „du hast recht. Sie hat kein aktives Zuhören.“

Ich konnte nicht glauben, was ich hörte, und war kurz davor, zu reagieren; als es über mich kam, ich bräuchte wohl wirklich auf das zu hören, was sie gesagt hatten. Vielleicht sprach durch diese netten Leute eine Weisheit zu mir, und vielleicht wurde ich daran erinnert, dass wir gerade in der Gegenwart einer sehr weisen Lehrerin die Zeit miteinander verbracht hatten, einer Lehrerin, die einen ganz neuen Weg eröffnet hatte, miteinander zu kommunizieren, indem wir nach innen lauschen, und ich hatte es vonnöten, zu lauschen. Ich hielt mich zurück und dankte ihnen dafür, dass sie mir das gesagt hatten, und ich verließ die Veranstaltung als eine ganz andere Person, als ich war, als ich zu ihr hinging.

[überreicht von Oliver Schnock; übers. ThB]

 

 

Der Gedanke als Ursache

Mit der „Work“ untersucht Byron Katie die Gedanken, die sie als die Ursache des Leidens erkannt zu haben glaubt. Andere Gedanken denken bedeutet, aus dem Leid herauskommen.

Ich glaube, dass dieser Ansatz in gewisser Weise „richtig ist“ im Sinne von „funktionieren kann“. Aber nicht so, wie Katie Byron es in diesem Fall meint.

Es gibt Situationen, die so sind, die nicht geändert werden können. Der Tod eines geliebten Menschen ist eine solche Situation. Der auf der Erde zurückgebliebene kann nun in dem Gedanken verbleiben, dass der geliebte Mensch nicht hätte sterben sollen. Dieser Gedanke ist schmerzhaft und führt fast zwangsläufig zu der Erfahrung von Leid. Diesen Gedanken loszulassen, ihn nach einer sicher notwendigen Zeit der Trauer durch einen anderen zu ersetzen, nicht an ihm festzuhalten vermag ein Weg aus Schmerz und Trauer hinaus zu sein. Nichtsdestoweniger ist dies ein Prozess; Katie selbst soll gesagt haben: „The work is not a quick fix“ („Die Work ist keine Schnellreparatur“).

Die Lage ist – meiner Ansicht nach – eine gänzlich andere, wenn Schmerz durch eine Situation erzeugt wird, die geändert werden kann. Beispielsweise eine Situation, in der Menschen und Völker fortgesetzt einander Gewalt antun. Hier halte ich den Ansatz „Ist die Gewalt das Schlimme, oder nur der Gedanke über die Gewalt?“ in der Tat für zynisch und unangemessen.

Es sei denn, die Perspektive wird geändert. Und hier kommt GmG ins Spiel. GmG lehrt uns, dass wir Veränderungen nur bewirken können, wenn wir den zugrunde liegenden Gedanken anschauen und auf seine Funktionalität überprüfen. Ich vermag in dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern als zugrunde liegenden Gedanken nur zu erkennen, dass es den eigenen Schmerz lindert, der anderen Seite Schmerz zuzufügen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass Gewalt ein funktionierendes Mittel ist, diesen Konflikt zu lösen.

Aus meiner Perspektive ist es das nicht. Ich sehe nur, dass Gewalt nichts gebiert außer noch mehr Gewalt. Ich gestehe jedoch ein, dass ich diese Perspektive vielleicht ebenfalls nicht einnehmen würde, wäre ich selbst von der Gewalt betroffen. Dabei ist es gleichgültig, ob meine Angehörigen durch einen Selbstmordattentäter oder durch eine von einem Hubschrauber abgeschossene Rakete ums Leben kämen. Ich säße vielleicht ebenfalls der Illusion auf, anderen Schmerz zuzufügen könne meinen eigenen Schmerz lindern.

So komme ich zu zwei Schlussfolgerungen:
Ich halte mich mit einfachen Lösungsvorschlägen zurück, weil ich keine einfachen Lösungen habe, die funktionieren.
Und ich bin überzeugt, dass ein Mittel, ein Werkzeug, eine Methode, die in einer Situation hervorragende Dienste zu leisten vermag, in einer anderen Situation völlig wirkungslos sein kann.

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UB – 3. Januar 2007

Bestens informiert sein

 

»Reichen hier die bereits erreichten Informiertheiten aus?«

 

Aus Gedanken / Gefühlen erschaffen wir die Welt, gemäß dem, WIE diese Gedanken sind. Das ist wahr.

Dementsprechend können wir die Welt in dem Maße ändern, wie wir unsere Gedanken ändern. Das ist wahr.

In dem Maße, wie wir die Gedanken – aus welchen Gründen auch immer – nicht zu fassen bekommen, die für die existente Welt verursachend sind, in dem Maße stöbern wir dabei schier herum. Das ist wahr.

Lasst uns dies mal bei den drei Situationen, die Du anführst, verdeutlichen.

 

Da ist zunächst B. Katie’s Aussage „’The Work’ ist keine Schnellreparatur“. Dem liegt ein Gedanke eines Teils ihres Publikums zugrunde, man könne „es“ schnell hinbekommen, ohne Aufwand - ein Schnäppchen an Werkzeugen, besorgt im Supermarkt der spirituellen Konzepte - eine Selbstreparatur, einmal kurz herumbewegt und die Sache ist wieder in Ordnung. Miss Katie bietet diesem Publikum nicht etwa ihre 4 patenten Punkte an, um ihre unpassenden Gedanken, gerade sie könnten sich der Katie’schen Methode unter diesem Instant-Aspekt bedienen, zu heilen. Sie erfasst deren Gedanken nicht, die ja in einer Vorstellung des Mangels an Zeit, des Mangels an Gewähren von Prozessualem, gründen. Ihre 4 Fragen hätten also auf die Vorstellung des Mangels an Zeit im Leben Einzelner angewendet werden mögen. Dementsprechend ist Miss Katie’s Transformierungsmöglichkeit und Einwirk-Chance auf diese Menschen auch gering.

 

 

Bereits sich manifestiert habende Ereignisse, Wahrnehmungsbahnen, Materien und Naturvorkommnisse sind sehr schwer via Gedanken umzukehren – so GmG. Dies gelingt nur wenigen Meistern.

 

Zu diesen Ereignissen und Begebnissen zählen der bereits eingetretene Tod eines Menschen aus unserem Nähekreis. Das ist die zweite Situation.

Dazu zählen auch die Toten und Verletzten in den Nahost-Krisengebieten – denn auf deren Tode beziehen sich die emotionalisierten Gedanken, die den Prozess gegenseitigen Mordens anhaltend befeuern. Das Dritte.

 

Eine Trennung zwischen beiden Situationen - zuhause bei mir - und dort im Nahen Osten - ist an dieser Stelle nicht förderlich. Obschon es klar ist: der Tote im Nahen Osten hätte nicht zu dem Zeitpunkt sterben müssen, da sein Tod von fremder Hand und unter Gewalt erwirkt wurde; man kann Einfluss nehmen auf seinen Tod des Körpers. Im groben Sinne gilt dies nicht für das Sterben eines natürlichen Todes.

Beide Fälle sind vereint durch die Gedanken, die Angehörige / die Nationen-Angehörige an die Toten anhaften; nämlich, welche Bedeutung sie dem Tod je verleihen. Dort, an diesen Bedeutungen, die die Angehörigen den Toten bzw. einem bereits ergangenen, als Leid aufgefassten Verlust beigeben, setzen im allgemeinen spirituelle Konzepte an. (Insoweit sie sich nicht mit dem Tod als Teil des Lebens befassen.)

Etwa … Kann ich meinen Zug, dem nunmehr Toten sagen zu wollen und aufdrängen zu wollen, wann er hätte besser sterben sollen, loslassen, oder nicht?

Etwa … Kann ich dem Mörder / den Staaten, die Gewalt als ‚raison d’être’ zulassen, vergeben? Kann ich dann, wenn ich ihm vergeben habe, geeignete Mittel ergreifen, um den Kreislauf des Mordens zu unterbrechen, Mittel, ohne Benachteiligungen einzelner Gruppen weiterhin zu bedienen? (Zu dem letzten Komplex hat Michael Lerner von ‚tikkun’ und vom ‚Network of Spiritual Progressives’ ein eindrucksvolles Beispiel entwickelt, das ich Jedem gerne nahelegen möchte, in Betracht zu nehmen. (… hier …)

 

Byron Katie nun ist sich nicht im Klaren darüber (und ist nicht auf der Höhe erreichbaren spirituellen Wissens), dass es nicht bloß um Gedanken, sondern um »stiftende Gedanken« geht, die aufzusuchen und zu identifizieren sind, wenn Änderungen im Manifestierungsgeschehen angestrebt sind – was sie ja möchte. Es geht beim Auffinden der stiftenden Gedanken um ein Geschehen des Entschälens. Auch dann, wenn sie darum wüsste – wäre es doch fraglich, ob ein solches Entschälen vor der Öffentlichkeit, »im Angesicht der ‚Feinde’«, dort, wo das Morden nebenan weitergeht, sinnvoll ist anzugehen und empfohlen zu erhalten. Und so manches Andere mehr stellt sich uns hier als Anfrage auf.

Das Entschälen bis zum »stiftenden Gedanken« hin wird in Gewaltsituationen kaum möglich sein, als separaten Prozess anzusetzen und einzugehen. Die Ruhe zur Selbstbetrachtung ist nicht da. Darüber haben wir Beide schon geschrieben. Die Draufsicht auf die, Wahrnehmungen und die Selbst-Sicht beeinträchtigenden, Emotionslagen entgeht der spirituellen Lehrerin aus den USA. Dies hängt mit der geringen historischen Tiefe an Begegnungen mit anderen Kulturen, kollektiven Gemütslagen, Völkern und materialisierten Zeithorizonten zusammen, die ihre Nation und Herkunftskultur kennzeichnet. Es sind nicht deren besonders ausgewiesene Stärken.

 

 

 

Nun zu etwas Anderem.

 

Es ist etwas Seltsames. Einerseits bemerkt die Menschheit zunehmend nach Jahrhunderten gegenseitigen Mordens und Schmerz-Zufügens, dass Gewalt Gegengewalt gebiert. Teils machte sie auch die Erfahrungen, Anderen Schmerz zuzufügen, um den eigenen Schmerz vermeintlich zu lindern, sei ein kurzfristiges und ein nichts Langanhaltendes erbringendes Verfahren. Und doch bewegen sich auch jene Teile der Menschheit nicht aus der Gewaltspirale heraus. Kann es denn sein, dass in der Unterweisung selbst, die sie sich angedeihen ließen und der sie unterstanden oder die wir ihnen anmuten und darbieten, etwas Unvollständiges vorliegt?

Derartiges bemerke ich in Deinen Zeilen. Da ist auch von einem ‚Ja, aber’, von einem ‚Hingegen’ die Rede ….. »Ich säße vielleicht ebenfalls der Illusion auf, anderen Schmerz zuzufügen, könne meinen eigenen Schmerz lindern.«

 

Darauf die 4 patenten Fragen B. Katie’s anzuwenden, finde ich zu einem gewissen Teil sinnvoll ….

Also … 1. Ist es wahr, dass ich ebenfalls der besagten Illusion aufsäße?

2. Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass ich ebenfalls der Illusion aufsäße, anderen Schmerz zuzufügen, könne meinen eigenen Schmerz lindern? Du hast bereits geantwortet: Nein.

3. Wie reagiere ich, wenn ich den Gedanken denke, ich würde einem anderen Schmerz zufügen, in der Auffassung, ich könne dadurch meinen eigenen Schmerz lindern?

4. Wer wäre ich, wenn ich diesen Gedanken, ich würde einem anderen Schmerz zufügen, in der Auffassung, ich könne dadurch meinen eigenen Schmerz lindern, nicht mehr denke?

 

 

Es ist auch nicht nötig, ein durchaus als Höchstes erachtetes Konzept, eine höchste Einsicht, ein bestes Heilmittel an sich selbst durchgeführt erhalten zu haben, es dort angesetzt zu haben, es erst dort anzusetzen, bevor ein Rundum-Verkünden dieses Konzeptes möglich ist – dieses nicht ganz vollzogene Verständnis von GmG-Aussagen teilen Deine Zeilen.

Ich kann etwas lehren, zu tun, was ich nicht selbst beherrsche, zu tun.

Wenn dem nicht so wäre, gäbe es die Einrichtung der Boten nicht – eine jahrtausendealte, funktionstüchtige Einrichtung. Boten müssen nicht das Gebotene auch praktizieren oder praktiziert haben. Auch nicht bei einem Menschen, der sich ausgibt, ein Lehrer zu sein, ist Solches Bedingung.

Deine Zeilen geben her, Du könnest nicht ein als recht erachtetes Verhalten vertreten, solange Du es an Dir selbst anzweifelst, eingehen und beständig beherrschen und geübt ausführen zu können.

 

 

Ein anderer Aspekt, der auch bei dem obigen Ansetzen der 4 Punkte B. Katie’s außenvor bliebe, ist Folgender ….. All die von uns herbeigezogenen Situationen hängen von der Wahl der einschneidenden Perspektive ab, die wir auf den Tod als solchen einnehmen.

Das ist doch recht einleuchtend. Je mehr ich den Tod als Ende allen Lebens, je mehr ich das Leben als ein begrenztes Zeitgut begreife, um so mehr bin ich bei eigener Bedrohtheit bereit, ja, umso mehr sehe ich keine Andere Wahl mehr, als das Leben eines Anderen einzukürzen, um mein eigenes verlängert zu erhalten. Je mehr ich den Tod als die größte Freude des Lebens erachte, desto mehr steht mir die Wahl offen, je nach gesetzten Zielen meiner Wahl, einen Angreifer auf mein Leben abzuwehren oder zu töten, oder, ihn gewähren zu lassen. Wohlgemerkt: Dann in dieser Option habe ich den Sinn des Todes bzw. den Sinn meines ewigen Lebens im voraus bestimmt.

Du schneidest es ja an … GmG stellt in Krisensituationen angespannter Art ein anderes Heilmittel vor. Dort geht es um eine gütige Anfrage an meinen Kontrahenten, vielleicht auch um eine gütige Anfrage von Seiten Dritter an beide Kontrahenten:

Was kann ich tun, damit du nicht weiterhin meinst, dadurch, dass du mich verletzt, erhaltest du eine Erleichterung?

Oder von Seiten Dritter … Was können wir, die wir euch Frieden, Harmonie und Glück wünschen, tun, damit ihr nicht weiterhin meint, dadurch, dass ihr den Anderen verletzt, erhaltet ihr eine Erleichterung?

 

Die Anwendung dieses Konzeptes auf die Situation in Nahost steht noch an, und geht über das von Michael Lerner bereits Gefasste hinaus.

 

Dieses Konzept kann mit aufs Stärkste angegriffenen Emotionen bei den Gegenüberstehenden leben. Denn es überlässt dem / den Angesprochenen die Wahl. Eine Interpretation eines Geschehens, wo beide Seiten keine Wahl mehr zu haben meinen, wo sie „wahllos“ aufeinander schießen, ist bei dem GmG-Konzept abgedreht. Die GmG-Frage nimmt die tumultuösen inwendigen Zustände der Befragten in den Brennpunkt. Aus den aufgewühlten Emotionen heraus stellt sie in Aussicht, dass die Antwort herauskomme.

 

 

Lieber Freund …. Was kann ich tun, damit du nicht weiterhin meinst, dadurch, dass du dich verletzt, indem du anderen unter der Auffassung, du könnest vermittels dessen unter Umständen und vielleicht deine Schmerzen lindern, Schmerzen zufügst, erhaltest du eine Erleichterung?

 

Ich stehe gerne zur Verfügung. – Theophil.

Zur Schlussfrage

Lieber Theophil. Du fragst:

Lieber Freund …. Was kann ich tun, damit du nicht weiterhin meinst, dadurch, dass du dich verletzt, indem du anderen unter der Auffassung, du könnest vermittels dessen unter Umständen und vielleicht deine Schmerzen lindern, Schmerzen zufügst, erhaltest du eine Erleichterung?

Du kannst mich immer wieder daran erinnern, Wer-Ich-Wirklich-Bin. In dem Maße, in dem ich mir gewahr werden, Wer-Ich-Wirklich-Bin, hänge ich nicht weiter in den Illusionen fest. Dieses Erinnern ist ein schwieriges Unterfangen. Mit liebevoller Beharrlichkeit arbeitet Oliver vermehrt in den letzten Wochen daran. Dass der Erfolg teilweise ausbleibt, liegt nicht an Quantität oder Qualität seiner Bemühungen, sondern an meiner mangelnden Offenheit, an meiner mangelnden Bereitschaft, mich erinnnern zu lassen. Und hier sehe ich eine Analogie zwischen mir und der Situation in Israel/Palästina, was die Wirksamkeit von Methoden angeht. Du schriebst bereits:

Das Entschälen bis zum »stiftenden Gedanken« hin wird in Gewaltsituationen kaum möglich sein, als separaten Prozess anzusetzen und einzugehen. Die Ruhe zur Selbstbetrachtung ist nicht da.

Ich will es in ein Bild kleiden: Ein Mensch stürzt oft und verletzt sich. Gerade ist es wieder passiert, sein Bein ist gebrochen. Dieser Mensch braucht zuerst eine medizinische Versorgung seines Beines, erst später kann man sich mit der Frage befassen, aus welchem Grund er so oft stürzt. Die Frage nach dem Grund in der Situation eines gebrochenen und nicht behandelten Beines zu stellen wird nicht funktionieren. Danke für Deine Erinnerungen. Uwe -- UB