Jürgen FLIEGE: "Die Kunst der Hingabe. - Spiritualität im Zeitalter neuer Religionskriege."

Jürgen FLIEGE: »Die Kunst der Hingabe. – Spiritualität im Zeitalter neuer Religionskriege.« - - Verlag Wichern, Stuttgart. 2006.

 

Eine Welt, in der die Menschen aufhören damit, ausfindig machen zu wollen, welches das rechte Buch, der richtige Text, der richtige Ort der Anbetung, die richtige Art der Annäherung an das Göttliche, und wer der rechte Bote und Offenbarende ist – das wäre eine Welt.

In jener Welt ist in rundum erkennbarer Weise erkannt: Die Einzige Wahrheit ist das, was sich selbst gegenüber zeigt, was es denn ist. In dieser Welt ist erkennbar und rundum erkennbar, dass jedwedes Menschenwesen sowohl Bote als auch die Botschaft ist.

Eine Welt, in der die Herausragendsten und Voranpreschendsten bestimmt sind und sich bestimmt haben. Sie haben sich zunutze gemacht, dass Viele um sie herum, viele Wohlmeinende um sie herum, der Auffassung sind, der Glaube an Gott sei machtvoll genug, um die Heilung der Geschwüre der Welt dieser Tage herbeizubringen. Die Offenbarungen durch Eingeweihte, die Aura um besonders Begabte, die Heil-igen Schriften, die durchgegebenen Botschaften von sog. jenseitigen Wesen, die Übertragung von Energien von hier nach dort und wieder zurück, seien machtvoll genug, um die Heilung dieser Tage durchzubringen. Allerdings – Derartiges gibt es bereits seit Tausenden an Jahren. Und der Zustand der Welt ist kritischer denn je.

Jene Herausragendsten haben sich zunutze gemacht, dass es unter den Wohlwollenden in ganz wenigen Fällen die Einsicht zugelassen gibt, dass es ein unumfassender, ein teilhafter, ein nicht zuende geführter, ein sein Zielfeld – die Gottheit und damit das Gesamt der Menschheit – verfehlender und deswegen unzutreffender Glaube unter uns sein kann, der derart viel Macht und Potenz in sich trägt, dass er eben diese besagten und verzeichenbaren schlimmen Ergebnisse in der Welt von heute zeitigt und gezeitigt hat.

Eine Welt also, in der die Herausragendsten die Potenz in sich erwachsen ließen, die Fragen wenigstens genau so sehr zu lieben wie die Antworten. Eine Welt also, in der die Voranpreschendsten den zutreffenden Glauben daran erwiesen und ausgerichtet sehen möchten, dass er unmittelbar und allseitig sichtbar, demonstrativ und annoncierterweise „die Heilung von den Übeln“ dieser Tage erbringt. Eine Welt also, in der das Funktionierende die Mehrheit der in der Öffentlichkeit behandelten Dinge bestimmt.

 

Da gibt es Papst Paul Johannes II., der im Sommer 1999 in einer Audienz eine staunenswerte Aussage trifft, die wieder Funktionierendes in die Gemüter der Menschen einträgt:

»Die Verdammnis kann nicht einem Vorgehen Gottes zugeschrieben werden, denn Er kann in Seiner erbarmungsvollen Liebe nichts anderes wollen als die Rettung und Erlösung der Wesen, die Er erschaffen hat.« - „Ewige Verdammnis sei niemals der Entschluss Gottes, sie sei die selbst auferlegte Bestrafung jener, die sich entschieden haben, sich Gottes Liebe und Gnade zu verweigern, fügte der Pontifex hinzu“ (zit. aus ND Walsch: ‚Was Gott Will’).

Der Papst hatte offenbar einige neue Vorstellungen, die sich im Einklang mit der Neuen Spiritualität befinden. Sie räumen mit der Angst vor der Hölle auf.

 

Jürgen Fliege räumt durchaus auch mit einigen Dingen auf. Was er mit einem als volksnah, herzlich, freundlich lächelnden, leutselig und offenherzig bekannten Papst gemein haben kann, ist die tägliche Begegnung mit Menschen, eine Begegnung, die sich, in J. Flieges Falle, insofern äußerst intensiviert gestaltet, als sie vor Millionen von Menschen werktäglich im Fernsehen stattfand. Dort entstehen tiefe Eindrücke von Menschen im Menschen Fliege. Sie ordnen eine vormalige Glaubensvorstellungswelt des Pastors und “Privat”-Mensch J. Fliege um. Davon ist in seinem Band von 96 Seiten etwas zu spüren. Pastor Fliege zeigt sich im Wandel.

Als Pastor steht er in dem Missionsauftrag seiner christlich so verstandenen Lehre. Und nun steht er täglich 60 Minuten vor der Kamera, und könnte täglich 60 Minuten lang missionieren oder – über die Bande spielend und hinterrücks – seinen Missionsauftrag indirekt erfüllen. Wie er es eben gelehrt, gezeigt und angewiesen bekommen hat (klar, der Sender hätte ihm die Sendezeit nicht eingeräumt, falls er im hergebrachten Sinne missioniert hätte ...). Er tut es nicht. In dem Buch zeigt er in kurzen kolumnen-artigen Kapiteln auf, wie er die Begegnung von göttlichen Wesen mit göttlichen Wesen sieht.

Nehmen wir ein gegenwärtig so bewegtes Thema, das Sterben, dazu her, um zu schauen, wie Jürgen Fliege seine Begegnung mit dem sterbenden Menschen, mit dem Menschen auch anderswo, fasst. Elisabeth Kübler-Ross ist ihm da wegweisend. “(Sie) ist weit über die Kirche hinaus die Prophetin dieser neuen Spiritualität des angenommenen Lebens und des angenommenen Todes geworden.” Sie gilt ihm zurecht als die Pionierin der Sterbebegleitung (in öffentlich gelebter Form, möchte ich hinzufügen), ja, die von ihr ausgehende Hospiz-Bewegung sieht J. Fliege als eine im Grunde spirituelle Frauenbewegung. “Annahme und Hingabe, Kinder gebären und Sterbende begleiten ist nichts für Eroberer und Wegläufer (gemeint sind die Männer, das Männliche; Th.B.). Sie haben ihre Zeit gehabt. Alles hat seine Zeit.”

Die Hospiz-Bewegung ist ihm, neben der feministischen Theologie, eine Hauptangelegenheit in Sachen “zeitgemäßer Missionsbewegung und Spiritualität”, wie er es nennt. “...., weil sie aus Erfahrung und nicht aus der Bibel lehrt und lebt”. .... Aus der Erfahrung ..... – die Erfahrung ist das wirkkräftigste und umfassendst auftretende Kommunikationsmedium Gottes im Verkehr mit Seinen Individuierten Teilen, hat uns GmG aufgezeigt. “Sie (die Hospiz-Bewegung) kommt ohne Autorität aus. Sie versteht sich von selbst. Sie ist Autorität. Sie steht am Fenster der anderen Wirklichkeit und erfährt ihre Wirkung auf unsere Wirklichkeit unmittelbar. Sie braucht keine Dogmen, sie braucht keine verdichteten Glaubenssätze mehr, die den Tod als Durchgang und Übergang erklären. Sie weiß aus unzähliger Erfahrung, dass der Übergang von der einen in die andere Welt und Wirklichkeit da am friedlichsten gelingt, wo die not-wendige Hingabe an und in den Tod als ars moriendi (Kunst des Sterbens) und ars vivendi (Kunst des Lebens) eingeübt worden ist”. - Zum Zeitpunkt des Todes finden wir heraus, Wer Wir Wirklich Sind - dies bestätigt J. Fliege in seinen Erfahrungen und Überzeugungen.

J. Fliege zieht weitere Kreise. “Es geht die ganze Lebenszeit hindurch nur um die Annahme des eigenen Lebens überhaupt.” Des eigenen Geschlechts, des Namens, der Familie, der Gaben und Begabungen, dessen, Mutter und Vater zu werden, der Historie des eigenen Volkes, der eigenen Erkrankung, der Trennungen und des Abschiednehmens, fährt er fort. In bemerkenswert leidfreien und beobachtungsbetonten, mitfühlenden und mitgehenden Worten hält J. Fliege seine Erfahrungen an Sterbebetten fest. Er sieht einen jungen Menschen sterben, sieht, wie Jener am Leben und am Kampf ums Leben festhält, “ohne dass das Leben ihm jemals eine Lebensperspektive eröffnet hätte” (ob J. Fliege da wohl zu kurz beobachtet? ... oder sich nicht genau ausdrückt?). Er nimmt Einblick in ein derart geführtes Leben, in ein Leben, wo die Bestimmung, was Leben sei und was das Leben eben für diesen jungen Menschen sei, in dem betrachteten Leben nicht oder nur zur Ungenüge zur Ausführung, zur bewussten Bestimmung und Definition gebracht wurde.

Am Sterbebett interessiert sich der in vielen Begegnungen erwachsener gewordene Pastor für das Funktionierende im Leben eines Menschen: „Das Leben funktioniert nicht als Anspruch und als Geschäft.“ An dem Ort des Sterbenden verzeichnet er einen Unterschied zwischen Einsicht und Erfahrung. Die Einsicht in das Funktionierende im Leben sei dem Lebenden immer und immer wieder gekommen und zur eigenen Unterstützung gereicht worden, nunmehr aber im Angesicht des Sterbens komme sie als Lebenserfahrung daher. Aus der Einsicht, oder aus der häufig im Laufe des gelebten Lebens beförderten Einsicht, wird nun erfahrene Einsicht. Dieser Art Einsicht in die Notwendigkeit bescheinigt Jürgen Fliege, bar jeder „Offenbarungsqualität“ zu sein. „… (sie kommt) geschwisterlich, brüderlich, schwesterlich und ist für jeden annehmbar. Du wirst wiedergeboren und kannst nicht bei deiner Mutter Erde bleiben.“ Der Pastor setzt sich gegen die Übermacht des geoffenbarten ‚Wortes Gottes’ zur Wehr; zugunsten der Erfahrung – eine Einsicht der Neuen Spiritualität.

Von einer Zuschandengerichteten berichtet J. Fliege am Ende dieses Kapitels. Eine von der rot-chinesischen Miliz furchtbar misshandelte buddhistische Nonne wird von dem Leibarzt des Dalai Lama behandelt. Der Arzt berichtet ihr, er könne ihr die Schmerzen nicht nehmen, er könne sie aber wissen lassen, dass sie die Schmerzen stellvertretend für ihr ganzes Volk und ihre Religion trage. „ … da richtete sich die junge Frau auf und man hatte den Eindruck, der Schmerz sei vergangen. Sie hatte als heilende Medizin die Möglichkeit gezeigt bekommen, die Schläge ihrer Peiniger anzunehmen. Annahme und Hingabe sind also nicht nur die Themen der Sterbestunde.“

 

Ich möchte hier einhalten in einer zusammenfassenden Schilderung dessen, was Pastor Fliege bewegt und niederlegt. Und meine, es ist deutlich gemacht, dass sich hier einer ausweist darin, was seinen Wandel hin zur Wahrheit, die sich ihm Stück für Stück zeigte und zeigt, ausmacht. Insofern ein heilendes Buch für Viele. Und eine Anmutung an Viele, es ihm gleich zu tun: Unseren Wandel hin zur Wahrheit voreinander aufzutun und kundzugeben. Ein zutreffender Glaube dabei ist es: Wir sind alle Eins; und stehen in wechselseitiger Verbundenheit; indem wir uns öffnen, bewegen wir auch unser Vis-à-vis dazu, sich zu öffnen.

Dies trifft in einem besonderen Ausmaße für öffentliche Personen zu. Unter jener Spezies von Menschen in unserem Aufmerksamkeitsgefüge der medial vermittelten Bezüge und Wahrnehmungen belegt Jürgen Fliege einen Sonderplatz. Dafür möchte ich ihm danken, und ich erfreue mich an seinem Wirken.

[Th.B. – 18.6.06]