"Übriggeblieben, um davon zu erzählen"

.... anstelle einer herkömmlichen Buchbesprechung .... Immaculée ILIBAGIZA: "Left to Tell. One woman's story of surviving the Rwandan holocaust." Foreword by Wayne W. Dyer. London Hay House March 2006.

- I. Ilibagiza: 'Übriggeblieben um zu erzählen. Die Geschichte einer Frau, die den Holocaust von Ruanda überlebte.' -

[Ist auch in dt. erschienen.] 

 

 

»Synchronizität« - Teil 1

 

von Nannette Kennedy

 

[N. Kennedy ist Mitglied von TheGroupOf1000 - vgl.: .. hier .. - unter Buchst. A. - Die Artikel erschienen zweiteilig in http://humanitysteamcanada.com - dort im Newsletter vom Juli und vom August 2006]

 

 

 

6. Januar 2006

 

Nicht jede Erfahrung in unserem Leben verkraftet ein Wiederholen – immer und immer wieder. Die menschliche Natur allerdings ist derart, dass wir uns dazu gedrängt sehen, bei gewissen Dingen, die belanglos, beizeiten gar unheilvoll, sind, laut zu bleiben – bei Geschichten, die möglicherweise in aller Ruhe behalten werden möchten. Die vorliegende Erfahrung freilich ist von der Art, dass sie um Musik, dass sie um eine Stimme ruft, um sie laut herauszusingen. Es ist eine Geschichte der Synchronizität.

 

Viele Leute glauben, unsere Welt passiert in zufälligen Zügen. Für mich ist das unverstehbar, um nicht zu sagen, beängstigend. Ich hatte das Glück, meine Mutter erzog mich darin, zu glauben, dass alles aus einem Beweggrund heraus geschieht, und dass es geschieht, wie es sollte. Sie wollte mich oft daran erinnern, dies bedeute nicht notwendigerweise, dass ich stets den Grund kenne. Dasjenige, was mir soeben passiert und was ich womöglich jetzt nicht verstehe, mag ich später, oder vielleicht nie verstehen. Die Dinge, die allen von uns passieren, sind stets ein Teil des umfassenderen Bildes, und allem Anschein nach nicht Teil unseres eigenen kleineren Bildes – gewöhnliche Augenblicke im eigentlichen gibt es nicht. Um dies zur Kenntnis zu nehmen, müssen wir alle wahrnehmen, dass sich, falls wir einen Zipfel, einen Augenblick von unserem Leben wegnehmen, alles ändern würde. Ich denke an Jimmy Stewart und an seine Rolle als George Bailey in ‚It’s a Wonderful Life’ als ein leuchtendes Beispiel dafür. Als er mit seinem Glück durchhängt und von seinem Leben enttäuscht ist, möchte er, er wäre nie geboren. Und genau so kommt es, Clarence, sein Schutzengel, gewährt George seinen Wunsch. Die herrliche Lektion ist hier natürlich, dass George’s Leben zählt, und dass ohne ihn in der Welt, die er berührt, niemandes Leben zählt – dass nichts dasselbe bleibt. Ein einziger Wurf eines Kiesels ins Wasser ändert alles. Vielleicht braucht es einige Zeit, die Wirkung zu spüren, aber das Kräuseln im Wasser trägt Energie mit sich, und diese Energie kann nicht zerstört werden. Ich sehne mich nach der Zeit, wo Jedermann auf diesem Planeten diese Tatsache begreift. Diese Geschichte handelt nicht von einer Folge untereinander unverbundener Koinzidenzien. Ganz einfach, so etwas gibt es nicht. Es ist eine Geschichte über perfekt orchestrierte Gleichzeitigkeiten, und darüber, wie mein Gewahrsein und mein getreues Schauen dieser Vorgänge als Teil eines im Flusse stehenden Meisterstückes mein Leben tiefgründig und für immer wandelten. Ich weiß, bei jedem, der dies liest, wird ein dauerhafter Eindruck des Geheimnisses in unserem Alltagsleben fortbestehen – und, solltest du durch „Zufall“ den Prämissen dieser Geschichte nicht beipflichten … die Frage der Möglichkeit wird dich immer begleiten. Und dies aus sich heraus ist gut.

 

Ich meine, die Geschichte beginnt mit Wayne Dyer, dem inspirierten Schreiber und Schriftsteller. Eines seiner Bücher, ‚There’s a Spiritual Solution to Every Problem’, gelangte vor etwa fünf Jahren “zufällig” in mein Leben. Mein Schwager hatte mich angerufen und mir erzählt, dass bei einem anderen Schwager soeben ein schwerer und seltener Krebs diagnostiziert worden sei. Er war bloß vierzig Jahre alt, und die Prognose war schlecht. Ich erhielt den Anruf am Abend, und ich war nicht zuhause, ich war allein in einem Haus eines Freundes hochoben in unwegsamem Gebiet der Rocky Mountains. Wie es so kommt, ich saß auf einem Bett und schaute mich selbst in der mit Spiegeln besetzten Toilettentür an, während ich mir die Einzelheiten der Erkrankung meines Schwagers anhörte. Meine Schultern hoben sich, meine Haltung sank in sich zusammen, und ich sah danach aus, als hätte ich wie die weißen Wände um mich herum alle Farbe verloren.

 

Über dem Hörer hängend zog ich mich vom Bett herunter und begann hin und her zu gehen. Innerhalb von Sekunden fühlte ich mich im Magen krank, verängstigt, furchtsam und dunkel – diese unvermeidliche Gefühlsäußerung, wenn man in eine Ecke gedrängt wird. Eine Stimme in meinem Kopf ersuchte mich: „Geh nach draußen in die frische Luft“. Ich ging in die frostige November-Bergesluft nach draußen, atmete tief ein, schloss meine Augen, ließ meinen Nacken zurücksinken und hob meine Arme vom Körper weg, das Handinnere nach oben. Ich öffnete meine Augen, atmete einen sichtbaren Hauch Atem aus, und suchte nach dem Himmel. Die Entfernung der Sterne schien weiter als ich mich daran erinnerte. Es war tödlich still, und allein dies verschlimmerte mein hilfloses und abgeschnittenes Empfinden des Verhängnisses. Ich ging in das unvertraute Haus zurück, und spürte unmittelbar, als sänke ich, sodass mein kurzer Versuch, das aufgewühlte Wasser zu betreten, sinnlos war. Ich setzte mich hin. Ich stand auf. Ich nahm immer wieder den Weg von der Küche zum Wohnzimmer, ohne im eigentlichen zu wissen, was mit mir zu tun ist. Ich heulte. Ich stellte das Fernsehen an, und fragte mich, wieso denn ein Schauspieler zu einem Zeitpunkt wie diesem lachen konnte. Ich schaltete das Fernsehen ab und wandte mich zur Küche zurück. Im Essraum lag ein Buch auf dem Tisch: ‚There’s a Spiritual Solution to Every Problem’ [‚Für jedes Problem gibt es eine spirituelle Lösung’] von Wayne Dayer. Oh, was ist das?, dachte ich zynisch. Ich nahm es hoch und öffnete es „zufällig“ auf der Seite 143. Der Fettdruck war: Kapitel 7, Mach mich zu einem Instrument deines Friedens. Dieser erste Satz des wohlbekannten Gebetes des Hl. Franziskus von Assisi hieß mich meine Schultern fallen lassen. Anstatt die Stelle unter der Überschrift zu lesen, schaute ich auf den letzten Absatz der vorherigen Seite:

 

Spirituelle Lösungen bedeuten, du bist ein Instrument, Frieden zu geben, und bedeutet nicht, zu fordern, dass dir Frieden gegeben wird. Das meint, mit der letztlichen Ironie eines problem-freien Lebens zurecht zu kommen, wie es in dem Schlussteil des Gebetes des Hl. Franziskus zum Ausdruck gebracht ist. „Denn im Geben liegt, dass wir erhalten; im Vergeben liegt, dass uns vergeben wird; und im Sterben liegt, dass wir zu ewigem Leben geboren werden.“ Ja, wir erhalten vermittels Geben, und dieses Umdrehen im Denken ist einschneidend bestimmend dafür, spirituelle Lösungen zu finden. Es nimmt seinen Anfang damit, ein Instrument des Friedens zu werden (142).

 

Ich war in einem Haushalt mit sechs Kindern aufgewachsen, und so sollte es keine Überraschung sein, dass meine Mutter bei uns Kindern immer wieder darum ersuchte, Werkzeuge des Friedens zu werden. In der Folge dessen waren meine Gefühle, von den Neuigkeiten über meinen Schwager etwas weniger belastet zu sein, von zweiseitiger Natur: die bloße familiäre Vertrautheit der Botschaft und die Botschaft selbst. Für mich stand an, ein Kanal des Friedens zu sein. Dies war meine Einführung zu Wayne Dyer. Dies war ein Neustart, und ich hörte die Botschaft.

 

In den kommenden fünf Jahren las ich dieses Buch und las es wieder, auch ein weiteres von Wayne Dyer, ‚The Power of Intention’. Ich kaufte die CD’s der beiden Bücher, und ich hörte sie so oft, dass ich für beide einen Ersatz besorgen musste. Ich stellte mir Back-up’s her, sodass ich nicht mehr auf dem Schlauch gehen würde, sollten die Zeit gekommen sein, sie zu ersetzen. Ich habe so viele Menschen mit diesen Büchern und CD’s bekannt gemacht, dass man mich fragte, ob ich für Wayne Dyer arbeite. Meine Antwort unter einem freundlichen Klaps: „Ich arbeite für Gott, wie das auch Wayne Dyer tut.“

 

Im vergangenen Frühjahr also traf ich die Entscheidung, eine Veranstaltung von Wayne Dyer zu besuchen. Zunächst traf die Wahl auf die Wayne Dyer-Konferenz im Oktober in Dallas. Aus einer Unzahl von „alles geschieht aus einem Grund heraus“-Gründen lief es schließlich darauf hinaus, dass ich meine Anmeldung änderte, um zu Dr. Dyer in Scottsdale im vergangenen November zu gehen.

 

Ich muss da ein bisschen weiter ausholen und hier eine Geschichte hinzufügen, um die Synchronizitäten aufzuweisen, die meiner Ankunft in Scottsdale vorangingen. Im August 2003 zog ich mit meinem damals 8 Jahre alten Sohn und meiner fünfzehnjährigen Tochter von Fort Collins, Colorado, nach Kansas City, Missouri, um mich meiner sterbenden besten Freundin, meiner Mutter, anzunehmen. Eine Entscheidung, die ich nie bereuen werde. Hinter unserer Ankunft lebte meine Mutter bloß noch für die kurze Dauer eines Jahres. Sechs Wochen später waren wir dabei, nachhause nach Colorado zurückzukehren, als bei meinem Sohn eine schwere Nierenerkrankung diagnostiziert wurde, was uns veranlasste, ein weiteres Jahr in Kansas City zu bleiben. Mein junger Sohn war über sieben Monate lang auf 70 mg Prednison pro Tag – ein Verhängnis, aus der Rückschau betrachtet, noch schlimmer als die Krankheit selbst -, und die Ärzte sagten mir, der nächste Schritt sei die Chemotherapie. Was meinen Sohn wieder auf den Weg zur Besserung brachte, war, dass er mit seinen Nieren redete und sie aufforderte, dass sie sich heilen; es war, dass er mich aufforderte, von dieser schrecklichen Arznei abzulassen. Er glaubte, wenn Wayne Dyer’s Tochter ihre chronische Hauterkrankung losbekam, indem sie zu ihren „Höckern“ sprach (S. 94, Spiritual Solutions), dann konnte er das (zusammen mit dem Gebet) bei seinen Nieren auch hinbekommen. Seit einigen Monaten ist er nun ohne Medikamente. Während dieses verlängerten und unbeabsichtigten medizinischen Aufenthaltes in Kansas City geschah es, dass ich mich dazu entschloss, auf die eine oder andere Weise Wayne Dyer persönlich aufzusuchen. Ich brauchte ein Live-„Wayne-Dyer“-Fix, so stand’s um mich, um mich selbst in den spirituellen Swing der Dinge zurückzubringen.

 

Bevor ich vergangenen Oktober nach Colorado zurück umzog, betrieb ich den Verkauf eines Anwesens, die Besitztümer meiner Mutter, und ging ich in ihrem Haus mit siebzehn Räumen durch jedes Klosett, ging jedes Stück Papier, jede Ablage, jede Schublade und jede Schachtel, etc. durch, um den Weizen vom Spreu zu trennen. Auf diese Erfahrung an und für sich lege ich keinen Wert, sie noch einmal zu machen, der Verkauf des Familienanwesens über vierzig Jahre war eins der traurigeren Auf Wiedersehen, die ich je hatte.

 

Ich bin das älteste der sechs Kinder meiner Mutter, und ich war die einzige, die nicht ständig in der Region Kansas City wohnte. Deswegen fiel die Aufgabe des Anwesen-Verwalters und des Anwesen-Auflösers in den Schoß meines Bruders – dem nächstälteren. Zu allem Unglück ist mein Bruder ein Alkoholiker, und ist deswegen mit dem Tod meiner Mutter, mit dem Verkauf ihrer Habseligkeiten und des Familienheimes nicht umsichtig umgegangen. In aller Kürze, es gab viele Uneinigkeiten bezüglich des Umganges und des Verkaufes unseres Familienanwesens. Dies brachte eine größere Spaltung der Familie mit sich – etwas, was keiner von uns vorhersah. Ich für meinen Teil war verletzt durch Worte, durch Handlungen und durch eine anscheinend vollständige Missachtung der Tatsache, dass ich und meine Familie entwurzelt wurden, nicht bloß, indem ich meine Mutter versorgte, sondern auch indem ich sicherstellte, dass wir alle so nahe zusammenblieben, wie wir es immer waren, trotz aller familiärer „Fehlfunktionen“. Zuguterletzt, ich verließ Kansas City wütend und war darauf gefasst, mit der Hälfte der Familie nie mehr zu sprechen, insbesondere nicht mehr mit meinem Bruder und mit meiner Patentante.

 

Der November kam schließlich heran, und mein Verlobter und ich konnten es kaum erwarten, nach Arizona zu reisen, um auf einer Konferenz mit dem Titel „Celebrate your Life“ Wayne Dyer und andere inspirierende Sprecher zu sehen. Wir freuten uns auch auf eine bitter nötige Ruhepause, fort von dem Familientrauma / Familiendrama. Drei Tage vor unserer Abreise fing sich mein Laptop einen schrecklichen Virus ein – ich bin Autorin, und, so blöde es auch klingen mag, ich fragte mich, wie ich die ‚Celebrate your Life’-Konferenz ohne mein Notebook überleben konnte – der Reparateur meinte, es sei höchst unwahrscheinlich, dass er es vor meiner Abreise nach Arizona hinkriegen könnte. Stifte und ein Block Papier mussten es bringen – irgendwie dachte ich, die Welt ohne einen Laptop würde aufhören.

 

Zwei Tage vor unserer Abreise hatte die Frau, die sich während unserer Abwesenheit um unsere siebzehn Jahre alte Tochter kümmern sollte, einen Todesfall in der Familie und konnte uns nicht länger aushelfen (meine Tochter kämpfte mit Drogen/Alkohol und dem Gesetz, und konnte nicht unbeaufsichtigt zuhause bleiben). Ich rief meinen Ex-Mann in einem anderen US-Staat an und bat ihn, herzukommen und bei den Kindern zu bleiben. Ich erklärte ihm immer wieder, wie lange ich diese Veranstaltung im voraus geplant hatte. Ich erinnerte ihn dran, dass er früher zugesichert habe, auszuhelfen, wenn etwas daneben ging. Er wollte nicht kommen. Ich wurde wütend. Er arbeitet nicht, und hat Mittel, um nach Colorado zu kommen. Ich nahm das Telefon, rief den Flughafen an und kaufte mir ein teures Sofort-Ticket für meine Tochter. Ich wollte diese Veranstaltung nicht auslassen. Ich hatte um mich selbst wegen einer Änderung Sorge zu tragen – wie die Vorschläge bei allen Fluglinien so lauten, ich hatte die Sauerstoffmaske erst mal bei mir selbst anzulegen, um dann Anderen um mich herum helfen zu können.

 

Die Nacht vor unserer Abreise nach Scottsdale stand der Computer-Reparateur mit meinem fertigen Laptop vor der Tür. Entzückt über diese Überraschung stellte ich es neben mein Gepäck, und lächelte darüber, wie sich die Dinge fügen.

 

Am Morgen des 10. November standen wir am Gepäck-Sicherheitsbereich des Flughafens Denver. Meine Schuhe gingen gerade durch den Scanner, meine Füße froren, da bat mich der Wachmann, den Inhalt meiner Computer-Tasche zu leeren. Als ich den Computer und das eine oder andere herausholte, bemerkte ich etwas Glänzendes unten in der Tasche. Es war ein blau kristalliner Rosenkranz – Herkunft unbekannt. Es ist wahr, ich war katholisch erzogen, und ich bin immer noch sehr in der katholischen Kirche verwurzelt. Der Rosenkranz war von mir immer für Totenwachen und Beerdigungen reserviert worden, und, als Gewohnheit hatte ich ihn nie bei mir. Ich packte meine Computer-Tasche wieder ein und lieh dem Rosenkranz keinen weiteren Gedanken.

 

Wir kamen in Scottsdale, Arizona, am späten Nachmittag an. Meine Tochter, mein Verlobter und ich checkten im Hotel Doubletree ein, nahmen draußen am Pool eine Mahlzeit ein, und kehrten dann auf unser Zimmer zurück. Meine Tochter und mein Verlobter machten es sich bei einem Film gemütlich, und ich packte meinen Computer aus, schaltete ihn an und bereitete mich darauf vor, mein Schreiben von der Energie der spirituellen Konferenz her leiten zu lassen. Der Computer schaltete sich ein, aber das war alles. Nach beinahe einer Stunde, wo ich die entgegengesetzte Seite meines Gehirns bemühte und alles unternahm, um den Computer zum Laufen zu veranlassen, gab ich es drein und stellte ihn weg. Mein Gedanke: Ich wollte, ich hätte ihn zuhause eingeschaltet, dann hätte ich gewusst, dass er immer noch nicht funktioniert, bestimmt hätte ich mir dann nicht die Mühe gemacht, ihn mit mir herumzuschleppen.

 

Der nächste Tag war der Tag der Vor-Konferenzen. Ich hatte mich für eine eingetragen, mein Verlobter nicht. Meine Tochter war gar nicht angemeldet. Ich sagte ihnen, sie hätten sich zusammenzutun und sollten sich an dem Pool sonnen, während ich meine Energien bei John Holland, einem weiteren inspirierenden Redner, anhob. In der Mittagspause kehrte ich auf das Zimmer zurück, und meine Tochter saß auf dem Bett, ein Konferenz-Schild um den Hals. Ehrlich gesagt, mein erster Gedanke war, dass sie es gestohlen hatte. Sie erklärte mir, mein Verlobter habe sie zum Anmeldungsschalter für die Konferenz mitgenommen und habe sich nach einer Möglichkeit erkundigt, dass sie sich anmeldet. Die Frau hinter der Theke erwiderte ihnen, sie seien ausverkauft, und, zu allem Überfluss, es gebe eine sehr lange Warteliste. Sie redeten in der nächsten Minute oder so hin und her, und in der Zeit piepte der Computer bei der Frau hinter dem Pult. Es war eine Abmeldung eingegangen. Sie schaute sich um, „Niemand wird wissen, dass du nicht auf der Liste warst“. Somit also verkaufte sie ein Ticket an meinen Verlobten und meldete meine Tochter für ein Wochenend-Seminar an. Meine Tochter war außer sich vor Freude.

 

Nach einer Reihe von Konferenzen am folgenden Tag, wo wir drei auf spirituellen Höhen dahinflossen, hatten wir auf dem Zimmer eine Mahlzeit, und gingen dann zu dem Hauptsaal mit 1600 Anderen, um Wayne Dyer sprechen zu hören. Innerhalb weniger Minuten, wo er auf der Bühne war, fragte er, ob es Teenager im Saal gebe. Natürlich, stieß ich meine Tochter mit dem Ellbogen an, nach vorne zu gehen; dort bekamen sie und vier oder fünf andere Teenager eine Ausgabe von ‚10 Secrets to Success and Inner Peace’ [‚10 Geheimnisse für Erfolg und Inneren Frieden’]. Sie kehrte zum Sitz zurück und war begeistert, „Ich kann es nicht glauben, ich berührte Wayne Dyer.“

 

Dann begann Dr. Dyer über den ruandischen Völkermord von 1994 zu sprechen – meines Erachtens ein gänzlich unerwartetes Thema – ich war voll darauf eingestellt, er würde über all die Dinge sprechen, denen er sich meines Wissens in seinen Büchern und CD’s zugewandt hatte. Zuerst hörte ich nicht recht zu. Ich versuchte mir auszumalen, weswegen ich mich dieses Ereignisses nicht erinnern konnte. Ich merkte, es war zu der Zeit, als ich schwanger war und als ich das Zwillingskind meines Sohnes verloren hatte. Meine Schwangerschaft war bestenfalls wackelig, und ich war damit befasst, meinen Sohn zu behalten. Ich blendete mich in die Geschichte zurück, und je tiefer Dr. Dyer in das Erzählen eintauchte – ich habe keine geeigneten Worte dafür, um die Erfahrung weiterzureichen, die sich daraus ergab --, um so mehr spürte ich mich in einen Kokon eines Geheimnisses eingewickelt. Es war körperlich, emotional, seelenvoll – ganz „anders“ als jede Erfahrung, die ich je hatte. Und so wenig wusste ich von der ferneren Bewandnis, dass dies erst der Anfang war. Zusammen mit vielen Anderen an dem Abend weinte ich, als ich Dr. Dyer sprechen hörte. Ich fühlte seine Leidenschaft, sog sein Mitempfinden auf. Da dieser Vortrag derart machtvoll ist und der Inhalt einen derart kritischen Bestandteil dieser ganzen Geschichte darstellt, stelle ich hier Auszüge ein:

 

 

Wayne Dyer: Am 6. April 1994 befand sich der Präsident eines Landes in Afrika namens Ruanda in einem Flugzeug, und das Flugzeug stürzte ab. Der Präsident war ein Hutu. Das Land ist unterteilt in Hutu und Tutsi. Neunzig Prozent des Landes sind Hutu, und 10 Prozent Tutsi – eine rassische Trennung. Im Radio begannen die Hutu, die Tutsi für diesen Flugzeugabsturz und für den Tod des Präsidenten von Ruanda verantwortlich zu machen und sie anzuschuldigen. Sie ermutigten zu etwas, das als Genozid begann, eines der erschreckendsten Dinge, die in den vergangenen 20 Jahren, vielleicht in den vergangenen 1000 Jahren geschahen. Am 6. April 1994 wurde jedem Hutu im Alter von über 14 Jahren eine Machete ausgehändigt, die bereits in Verschlägen verschifft worden und vorrätig gehalten waren …. Es stellt sich heraus [Dyer hat Nachweise der UN in der Hand, und hat sie sorgsam durchgelesen], dass all dies zuvor [vor dem Flugzeugabsturz] bereits bewerkstelligt wurde in Vorbereitung darauf, das Morden auszuführen, das während der nächsten einundneunzig Tage vonstatten gehen sollte.

Die Hutu teilten dann später im Rundfunk mit, sie übernehmen die Verantwortung für diesen Flugzeugabsturz. Die Macheten waren ausgegeben. Die Speere waren verteilt. Und für die nächsten einundneunzig Tage waren in dem Land von der Größe von Maryland mit zehn Millionen Menschen die Banken geschlossen, waren alle Lebensmittelläden zu, waren alle Schule geschlossen, das Geschäft der nächsten neunzig Tage war Morden. Frauen, Babys, Großmütter – warst du mit einem Tutsi verheiratet, dann solltest du deine Frau und deine Kinder töten, und wenn du es nicht tatst, dann würdest du umgebracht, zu Tode gehackt. Der Aufruf dazu wurde Stunde um Stunde im Radio verbreitet. Das ging auf die hassvollste Weise von Beschreibung vor sich, die man sich vorstellen kann, und nach neunzig Tagen waren eine Million Menschen, denke darüber nach, und wenn du an den 11. September denkst, wo dreitausend Menschen starben, und wenn du an den Tsunami oder an den Hurrikan in Louisiana denkst, es waren eine Million Menschen dahingeschlachtet. Im Juli des Jahres 1994 musste in Ruanda jeder Hund getötet werden, weil sie nichts anderes zu tun hatten, als über die vergangenen neunzig Tage hinweg menschliche Körperteile zu fressen.

Inmitten dieses Schreckens war diese junge Frau namens Immaculée; sie war im College, 200 Meilen entfernt von ihrem Dorf. Sie rief ihren Vater an, und ihr Vater riet ihr dazu, in den Osterferien nachhause zu kommen. Sie wollte nicht gehen. Sie bestand darauf, dass sie nicht gehen möchte, da sie so viel für die Schule zu tun hatte. Ihr Vater bestand darauf, sie müsse nachhause kommen. Sie nahm die lange Busfahrt nachhause auf sich. Nun, in Ruanda über 200 Meilen weit reisen, ist nicht dasselbe wie in den Vereinigten Staaten. Sie war am 7. April unterwegs, als das Morden begann und als all die Tutsi sich auf den Weg zu den Grenzen machten, und, als sie sich zu den Grenzen aufmachten, waren unzählige Hutu da, um die Menschen zu Tode zu hacken. Dies passierte vor elf Jahren in unserem Leben. Und wir wussten, es geschah. Nicht nur wir wussten, dass es geschah, auch in Europa wussten sie es. Fast nichts wurde unternommen, im eigentlichen gar nichts, bis die neunzig Tage um waren und die Franzosen schließlich hereinkamen, und Präsident Clinton bezeichnete es als das größte Versagen seiner Administration, dass sie nicht einmarschierten und etwas unternahmen – nicht, dass es in diesem Lande oder sonst wo jemandes Fehler war. Das Morden nahm seinen Lauf.

Immaculée bekam von ihrem Vater gesagt, sie habe sich zu verstecken. Sie ging in das Pastorenhaus, und dort gab es ein kleines Badezimmer im Haus etwa neunzig mal einszwanzig. Immaculée und sieben andere Frauen wurden in dieses Badezimmer gesteckt und für die nächsten 91 Tage hinter einem Kleiderständer verborgen. Es war ihr nicht erlaubt, ein Wort zu sagen, kein einziges. Der Pastor hatte zehn Kinder und keinem davon erzählt, dass sie in diesem Badezimmer versteckt waren. Die Kleider, die sie im April trug, trug sie im Juli. Niemand wusch sich. Niemand sprach ein Wort. Sie ging mit einem Körpergewicht von 50 kg bei einer Größe von 149 cm hinein, und kam mit einem Gewicht von 27 kg heraus. In dieser Zeit wurde sie von Hutu mit Macheten gejagt, die sie acht Zentimeter vor ihr sehen konnte, und sie fanden sie in diesem Badezimmer nicht. Es waren zwei-, dreihundert Menschen, die diesen Raum in diesen 91 Tagen absuchten, und sie fanden sie nie. Sie überlebte durch etwas namens Glauben, das jenseits allem angesiedelt ist, wovon ich je gehört habe. Darüber hat sie ein Buch geschrieben mit dem Titel: ‚Übriggeblieben um zu Erzählen – Wie ich Gott inmitten des ruandischen Völkermords fand’.

[Wayne Dyer beginnt, aus Immaculée’s Buch zu lesen.] „Ich hörte die Mörder meinen Namen sagen. Sie waren auf der anderen Seite der Wand. Weniger als drei Zentimeter Verputz und Holz trennten uns. Ihre Stimmen waren kalt, hart und bestimmt. ‚Sie ist hier. Wir wissen, sie ist irgendwo hier. Findet Immaculée.’, sagten sie. Es waren viele Stimmen und viele Killer. Ich konnte sie in meinem Geist sehen, meine früheren Freunde und Nachbarn, die mich immer in Liebe und Freundlichkeit gegrüßt hatten, bewegten sich nun durch das Haus und trugen Speere und Macheten. ‚Ich habe 399 der Küchenschaben getötet, und Immaculée wird die 400ste. Zum Töten eine gute Zahl.’ Ein Feigling in unserem winzigen Badezimmer, hineingeknäuelt in eine Ecke, ohne einen Muskel zu bewegen, genauso, wie die sieben anderen Frauen, die sich wie ich um ihr Leben versteckten, hielt ich meinen Atem an, damit die Mörder das Atmen nicht hören würden. Ihre Stimmen krochen an meinem Fleisch. Ich fühlte, als läge ich auf einem Bett voller glühender Kohlen, als wäre ich angezündet worden, ein dahinfegender Wind hatte meinen Körper umschlungen, Tausende unsichtbarer Nadeln stachen in mich. Nicht im Traume konnte ich mir vorstellen, dass Angst einen derart marternden Schmerz verursachen konnte. Ich versuchte hinunterzuschlucken, aber meine Kehle war verschlossen. Ich hatte keinen Speichel. Mein Mund war trockener als Sand. Ich schloss meine Augen und versuchte, mich zum Verschwinden zu bringen, aber ihre Stimmen wurden noch lauter. Ich wusste, sie kannten keine Gnade. Mein Geist flatterte mit einem Gedanken hin und her: Wenn sie mich fangen, dann werden sie mich töten. Sie waren gerade vor der Tür, und in einer Sekunde würden sie mich finden. Ich fragte mich, wie es sich anfühlt, wenn die Macheten durch meine Haut stießen und tief in meine Knochen schnitten. Ich dachte an meine Brüder und an meine lieben Eltern, fragte mich, ob sie tot oder lebendig waren, und ob wir uns bald im Himmel wiedersehen. Ich klammerte meine Hände zusammen, umschloss den Rosenkranz meines Vaters in ihnen und begann zu beten, oh bitte, Gott, bitte, Gott, bitte hilf mir, bitte lass mich nicht so sterben, nicht so. Lass diese Mörder das nicht tun. Du hast in der Bibel gesagt, wenn wir bitten, wird uns gegeben, nun, Gott, ich bitte dich. Bitte bring diese Mörder dazu, fortzugehen. Bitte lass mich nicht in diesem Badezimmer sterben, bitte. Bitte, Gott, bitte. Die Killer bewegten sich von dem Haus fort, und wir alle begannen wieder zu atmen. Sie waren fort, aber sie konnten zurückkommen, viele Male im Verlauf der nächsten drei Monate. Ich glaubte, Gott hatte mein Leben verschont, allerdings hatte ich in den nächsten 91 Tagen zu lernen, wo ich mich unter Zittern vor Angst versteckte, zusammen mit sieben Frauen in einem 90 mal 120 cm großen Badezimmer, ich hatte zu lernen, dass verschont zu bleiben etwas anderes ist als gerettet zu werden. Aber ich lernte es, und es war eine Lektion, die mich für immer veränderte. Eine Lektion, die mich inmitten des Massenmordens lehrte, wie Jene zu lieben sind, die ich hasste und die Jagd auf mich machten, und wie Jenen zu vergeben ist, die meine Familie abschlachteten. Mein Name ist Immaculée Ilbagiza, und dies ist die Geschichte davon, wie ich Gott während einer der blutigsten Völkermorde der Historie entdeckte.“ Ladies and Gentleman, bitte heißen Sie Immaculée Ilbagiza auf der Bühne willkommen.

Tränen flossen über mein Gesicht. Mein Mund fiel herunter, als das Mysterium erstand. Diese wunderbar schöne Frau betrat die Bühne. Ich konnte es nicht glauben, sie stand vor mir, und alles, woran ich denken konnte, war die Linie, über die sie lernte, Jenen zu vergeben, die ihre Familie abschlachteten, und, daran, dass das mich dazu brachte, dass ich meiner Familie, wenn sie in einer Angelegenheit von solcher Größe vergeben und nicht Zuflucht zur Wut nehmen konnte, vergeben konnte – im wesentlichen, ich hatte nichts zum Beklagen. Das Mysterium kreiste mich tiefer in seine Falten ein.

 

 

 

 

[Teil 2 »Synchronizität« = ‚Newsletter’ Aug. 2006]

 

 

 

Immaculée Ilibagiza: Dankeschön. Euch allen Dankeschön. Danke für den freundlichen Empfang. Ich weiß, meine Geschichte ist eine traurige Geschichte, freilich war es eine Geschichte, die mir die Erfahrung großen spirituellen Wachstums und eines anderen Verständnisses davon einbrachte, was wirklich im Leben zählt. So bin ich also dankbar für das, was geschah und was ich aus dieser Erfahrung lernte. Als ich Wayne traf [sie spricht hier von Wayne Dyer], vielen Dank dafür, mir die Gelegenheit gegeben zu haben, meine Geschichte mitzuteilen, da las ich seine [Wayne Dyer’s] Bücher und hörte ich mir seine Bänder an, und ich fragte mich unablässig, weswegen so jemand nicht in meinem Land vor dem Genozid anwesend war, weil es sich hier um all das handelt, was wir nötig hatten, um nicht ans Morden zu denken. Was ich hier also meine, ist, ich hoffe, ihr wisst, welch ein Geschenk es ist, Menschen wie ihn, die lehren, was er lehrt, unter euch zu haben.

Wie er euch bereits erzählte, war ich in den Osterferien zuhause, und wir hörten, dass der Präsident gestorben war. Meine Eltern und meine Brüder, die mich sehr liebten, ich war ihre einzige Tochter. Sie bestanden darauf, dass ich mich bei einem Hutu-Nachbarn verstecken sollte, dem sie vertrauten. Ich ging zu ihm und erzählte ihm, was meine Eltern sagten. Er brachte mich zu dem Badezimmer in seinem Schlafraum, und ich fand dort sieben weitere Frauen. Wir waren zu acht. Der Raum war etwas kleiner als dieser Tisch. Wir saßen da, und es hieß, wir sollten kein Wort reden, kein Geräusch machen, wenn irgendwer mitbekäme, dass wir hier sind, würde dieser die Mörder rufen. Er sagte uns, er würde es nicht einmal seinen Kindern mitteilen. Wir waren über diese Großherzigkeit glücklich. Den ganzen Tag lang hörten wir auf ein Radio aus seinem angrenzenden Raum. Alle Nachrichten bestanden daraus, wie man Tutsi töten konnte. Sie sprachen davon, die Kinder zu töten, davon, die Frauen, die alten Leute nicht zu vergessen, sie sprachen davon, sie hätten das Land zu säubern. Dies wurde von dem neuen Präsidenten ausgesprochen, der gerade ins Amt kam. Die Minister, das ganze Land war im Begriff, verrückt zu werden. Sie mordeten an öffentlichen Plätzen, sogar in Kirchen, und dann fingen sie damit an, über das Radio davon zu sprechen, alle Hutu sollten sich Mut fassen, in jedes Haus zu gehen und zu suchen, ob sich ein Tutsi versteckt. Dann kamen sie in unser Haus. Ich war davon überrascht. Ich erinnere mich, ich streckte mich und sah durch einen Vorhang eines kleinen Fensters. Ich sah draußen etwas wie dreihundert Menschen. Ich ließ mich hinfallen. Ich konnte nicht sprechen. Ich konnte nicht sprechen. Sie begannen zu suchen. Ich hatte den Rosenkranz, den mir mein Vater gegeben hatte, als wir uns trennten. Ich fing einfach an zu beten. Für eine Minute konnte ich mich an kein Wort in meinem Mund erinnern. So hatte ich Angst. Ich kann euch nicht einmal erzählen, wie sehr man fühlt, wenn man die Erfahrung von so etwas macht, wo du weißt, die Menschen, die dich suchen, sind 13 cm entfernt, und, falls sie dich finden, werden sie dich umbringen. Sie suchten überall im Haus, in der Zimmerdecke, oben auf dem Haus, in jedem Raum, sie schauten unter den Betten. Sie öffneten jeden Koffer, meinten, es könnten dort Babys verborgen sein. Ich hatte so Angst. Ich sprach zu Gott. Dies war mein einziger Hort. Ich bat ihn, mich zu retten. Es war keine Wahl. Ich wollte nicht sterben … Ich sprach weiter davon, dass Du gibst, wenn wir darum bitten. Das ist das Einzige, worum ich dich in der Welt bitte. Bitte mach es, dass sie uns nicht finden. …. Ich betete wirklich derart inbrünstig. Ich erinnere mich, und ich weiß wirklich nicht, ob dies meine Einbildung oder ob es mein Verstand war, aber es war fast wie eine Vision. Ich sah Jesus bei uns stehen und hörte ihn sagen: ‚Ich weiß, du betest so intensiv. Mach dir keine Sorgen. Ich werde ein Kreuz vor die Tür stellen. Und keiner wird daran vorbeikommen.’ Ich sah das Kreuz. Es war fast so, als würde ich Ihm dabei behilflich sein, das Kreuz an die Tür zu stellen. Ich stand außerhalb meines Körpers, und ich fühlte mich wie ein Geist, und schob das Kreuz vor die Tür. Ich war glücklich. Ich wusste, wir waren geschützt. Und danach konnte ich das Kreuz sehen. Es war ein Kreuz aus Licht …. Es war einfach ein Licht. Ich war glücklich, und nach ein paar Stunden verließen uns die Killer. Der einzige Raum, den sie nicht untersuchten: das Badezimmer. Der Pastor kam zwei Stunden später nachhause, und äußerte, sie würden viele Male wiederkommen. Wir wussten nicht, wann sie das täten. Es war so schmerzvoll zu warten, da wir sie draußen den ganzen Tag über herumsingen hörten. Und jedes Mal, wenn sie vorübergingen, dachten wir, sie kämen wegen uns. Ich hörte so viele Stimmen in meinem Gemüt, so viele schlechte Gedanken davon, wie es wäre zu sterben. Das waren die einzigen Bilder, die mir durch den Sinn gingen. Wie sie mich vergewaltigten, wie sie meine Hände und meinen Kopf abschnitten. Einfach schier die Gedanken waren so schwer, waren so vergiftend für meinen Körper, ohne dass mich jemand anfasste; und ich bat Gott darum, ich wollte einfach, dass diese Gedanken aufhören, aber ich schaffte es nicht. Das war, denke ich, der Augenblick, wo ich einen Engel hörte, wie er mir einen Vorschlag unterbreitete. Es war die beste Entscheidung, die ich je in meinem Leben traf. Ich sagte zu mir, womöglich könnten die Gedanken, wenn ich jede Minute in meinem Leben während des Tages bete, zu einem Ende kommen. Es war eine derart gute Idee. Ich sagte mir: Okay, ich werde es tun. Sobald ich aufgestanden war, nahm ich den Rosenkranz zur Hand, um meine Gebete zu sagen und um anhand der Bibel über das Leben Jesu zu meditieren. Sobald ich am Morgen aufgestanden bin, beginne ich zu beten. Ich würde von etwa 6 Uhr morgens bis 10 Uhr in der Nacht beten, bis zu der Minute, wo ich einschlafe. Am nächsten Tag würde ich dasselbe tun. Es war so gut. Ich war fähig, einen Tag damit zu verbringen, diese Gedanken, die sich in meinen Körper einbrannten, nicht mehr zu haben. Und also, als ich betete, sprach jedes Gebet über die Liebe. Jedes Gebet sprach von dem Vergeben. Ich wusste in meinem Herzen, da war kein Weg, wie ich jenen Menschen vergeben konnte, die mich töteten. Ich hasste sie. Ich wollte, dass sie zur Hölle gehen. Ich dachte mir, womöglich haben sie meine Mutter umgebracht. Und ich dachte, ich hoffe, Gott stimmt mir bei. Ich meine, es stellte einen guten Grund dar, sie nicht zu lieben, nicht für sie zu beten. Jedesmal, wenn ich an diesem Punkt des Gebetes anlange, und für jene, die den Rosenkranz nicht kennen, bei jedem Stein sagst du sieben Vater Unser. Und jedes Mal, wenn ich diese Stelle erreiche ‚Vater, vergib uns unsere Übertretungen, wie wir vergeben unsern Schuldigern’, dann war es die ersten Tage in Ordnung. Am nächsten Tag empfand ich, als würde ich Gott anlügen. Ich wollte diesen Gebetsteil herausnehmen können. Aber, es ist doch Gott, der dieses Gebet spricht. Es muss wahr sein. Also, es kam die Zeit, wo ich mich wie eine Lügnerin fühlte; ich setzte mich hin und sagte zu Gott: ‚Schau, ich kann dies für diese Leute nicht beten, aber hilf mir da womöglich heraus. Ich möchte einfach so aufrichtig vor dir sein, weil ich deine Gunst so sehr erstrebe.’ In dem Augenblick übergab ich alles. Ich gebe Gott all meine Gedanken, alles. Steuere mich. Sag mir, was zu tun ist. Ich betete einmal, beim Meditieren, und ich besann mich der Worte, die Jesus am Kreuz sprach, als er sagte: ‚Vater, vergib ihnen. Sie wissen nicht, was sie tun.’ Es war fast so, als hätte ich diese Worte zuvor nicht gehört. Es war so mächtig. Es war so klar für mich, dass sie möglicherweise nicht wissen, was sie verursachen. In dieser Minute vergab ich ihnen. Wir verbrachten drei Monate in dem Badezimmer. Wir kamen heraus, als die Tutsi-Liberalen, die über dreißig Jahre im Exil lebten, das Land einnahmen. Dann waren wir in der Lage herauszukommen. Als wir draußen waren, erfuhr ich, dass alle in meiner Familie tot waren, meine Mutter, mein Vater, meine Brüder, meine Tutsi-Nachbarn, meine Schulkameraden. Das ganze Land war übersät von toten Körpern. Ich dachte, es sei fast das Ende der Welt. Oder der Anfang, allerdings eines war wirklich. Die Vergebung, deren Erfahrung ich gemacht hatte, die Liebe, die ich im Badezimmer über Gott bekommen hatte, war so real, es war ein Geschenk, was mir über den Schmerz hinweghalf, dass ich meine Eltern verloren hatte. Ich bin so dankbar. Ich fand heraus, ich war immer diejenige, die sich um die Menschen sorgte. Ich ging sogar ins Gefängnis, um den Mörder meiner Eltern zu besuchen. Ich wollte herausfinden, wie ich mich fühle. Als ich ihn leiden sah, er saß da, ein Mann, der respektiert war. Ich fühlte tatsächlich Mitempfinden. Ich konnte nicht glauben, dass die Sünde es war, die jemanden in eine Situation wie diese brachte. Wenn er nicht an sich selbst denken konnte, wenn er sich selbst nicht lieben konnte, um sich davor zu schützen, in diese Situation zu gelangen, wie konnte er an mich denken? Wie kann er daran denken, mich nicht zu verwunden? Ich wusste mit Gewissheit, er konnte nicht wissen, was er tat. Und ich vergab ihm. Mein Leben heute, alles was ich tun möchte, all meine Gedanken, all meine Entscheidungen, ich möchte, dass sie auf Liebe fußen, darauf, was Gott an meiner Stelle tun würde, wenn Er es wäre, da ich weiß, als Menschen machen wir Fehler, und tatsächlich können wir riesige Fehler machen. Ich hoffe und ich denke, mit Vergeben und Liebe, mit bedingungsloser Liebe können wir Frieden auf Erden erlangen. Wie es Anne Frank sagte, das jüdische Mädchen, das sich wie ich zu verbergen hatte, ich glaube wirklich immer noch daran, dass Menschenwesen nicht verletzen wollen, und ich hoffe, wir alle helfen uns untereinander, beten füreinander mehr als wir uns untereinander hassen. Danke für das Zuhören. Danke. Danke.

 

 

Was für eine schöne Seele. Was für ein Beispiel an Leben, an Liebe, an Mysterium. Bis zu dem Zeitpunkt, als Immaculée in der Geschichte den Punkt erreichte, wo sie den Mörder ihrer Familie traf und Bescheid darüber erhielt, dass er nicht wusste, was er getan hatte, schämte ich mich meiner Wut, meiner Enttäuschung und meiner Antipathie gegenüber meiner Familie nicht, ja, vielmehr, mir wurde eine Erscheinung geschenkt: Es befand sich in meiner Macht, von den zernagenden Empfindungen derartiger Negativität Erleichterung zu finden. Die spirituelle Energie im Raum war so wie ich es anhin nicht erfahren hatte. Ich habe nie empfunden, wie ich es während der Zeit tat, als die Frau sprach. Nie.

 

Über die nächsten zehn Minuten oder so sprach Wayne Dyer über die Kraft des Geistes, über den Glauben und über die Tatsache, dass dies der einzige Beweggrund war, dass Immaculée überlebte. Für ein paar weitere Minuten kam sie auf die Bühne zurück, und redete darüber, wie sie in ihrem Versteck im Badezimmer aus einem ‚Französisch-Englisch’-Wörterbuch englisch lernte, das dort zurückgelassen worden war, bevor der Raum zum Versteck wurde. Immaculée lebt nun auf Long Island mit ihrem Gatten und zwei Kindern. Sie arbeitet bei den Vereinten Nationen und wird im nächsten Jahr über die Macht des Glaubens und der Vergebung sprechen.

 

Bevor er den Vortrag schloss, erwähnte Wayne Dyer kurz, eines seiner acht Kinder habe sehr unter Drogenmissbrauch gelitten, und, dass er, wo es ihr jetzt heute recht gut gehe und sie in Genesung stehe, diese Sache nunmehr anders angehen würde. Es war eine Nebenangelegenheit, da sie zu nichts anderem passte, wovon er sprach. Er redete gar davon, er wüsste nicht, warum er das aufgebracht habe. Dann fügte er an, er würde nach dem Vortrag zum Bücher-Signieren eine Weile dableiben. Ich schaute zu meinem Verlobten und meiner Tochter rüber. „Keine Chance“, sagte ich. Es war spät, wir waren alle erschöpft und hatten am nächsten Tag einen vollen Plan. Still kehrten wir auf unser Zimmer zurück. Ich war immer noch voll der Bewunderung und hatte nicht viel zu sagen. Ich versuchte die Erfahrung durchzugehen und nachzuarbeiten. Meine Tochter fragte mich, ob ich okay sei. Alles was ich sagen konnte, war: „Im Augenblick bin ich überwältigt.“

 

Bereits im Hotelzimmer, ging ich ins Badezimmer. Als ich herauskam, nahm ich meine Handtasche her, da war Wayne Dyer’s Kinderbuch, das ich zuvor gekauft hatte, und sah auf meine Tochter und meinen Verlobten, die es sich bequem gemacht hatten. „Wir müssen zurückgehen“, sagte ich. Sie schauten mich beide an, als hätte ich meinen letzten Grips verloren. „Lasst uns gehen, bevor alle weg sind“, beharrte ich darauf. „Etwas sagt mir, wir sollen zurückgehen und unsere Bücher signiert bekommen.“ Nun, es ist nett, die Bücher signiert zu bekommen, es zählt aber nicht zu meiner Lebensart. Wir alle gingen zur Halle zurück.

 

Dort waren etwa vierzig Leute verblieben. Um die zwanzig sammelten sich um Wayne Dyer, zehn drängten sich um Immaculée Ilibagiza, und die anderen schienen Leute zu sein, die für die Konferenz arbeiteten. Wir standen Schlange und hörten die Leute Wayne Dyer für all seine Beiträge loben, den Menschen mit Spiritualität beizustehen, und achteten, wie er die Bücher signierte. Mary, meine Tochter, ist gewöhnlich recht scheu, aber als Dr. Dyer Augenkontakt mit ihr aufnahm, sagte sie unmittelbar: „Ich weiß, was Ihre Tochter durchgemacht hat. Ich bin eine Drogenabhängige in Genesung.“ Ich hatte eine reflexartige Reaktion des Würgens. Ich war sehr stolz auf sie. Dr. Dyer schaute sie mit solcher Freundlichkeit an und sagte: „Deswegen erzählte ich ein wenig von meiner Tochter. Ich sagte es für dich. Ich konnte nicht verstehen, weswegen ich es anbrachte. Wie lange bist du clean?“ Mary erzählte ihm, vier Monate. Er fragte meine Tochter, ob er sie umarmen dürfe, was er tat, und küsste sie – sie schwor eine gewisse Zeit lang, sie würde ihren Hals nie waschen. Er sagte ihr dann, sie habe nun einen Job zu verrichten, Anderen von ihrer Erfahrung zu erzählen, und er verbrachte einige Minuten damit, ihr Fragen zu stellen. Er signierte unsere Bücher, und mein Verlobter machte ein Foto von meiner Tochter und mir zusammen mit ihm. Wir dankten ihm und begaben uns auf den Rückweg.

 

Wir waren gerade dabei, wegzugehen, da sagte ich meiner Tochter und meinem Verlobten, dass ich mit Immaculée zu sprechen hatte, dass ich sie anfassen wollte, dass ich sie halten möchte. Ich hatte kein Buch für sie zum Signieren. Wir stellten uns in die Reihe, um ihr zu begegnen. Ich hatte keine Vorstellung davon, was ich dieser Frau wohl sagen konnte. Als ich an der Reihe war, näherte ich mich Immaculée und bat sie darum, ob ich sie umarmen dürfe. Sie öffnete ihre Arme und wir hielten einander. Ich sagte die einzigen Worte, die ich äußern konnte: „Sei gesegnet.“ Sie sagte: „Du bist so freundlich zu mir.“ Dann machte ein Freund von Immaculée den Vorschlag, sie möge vielleicht den Rosenkranz am Morgen beten / vorsagen. Ich fiel fast vornüber. Deswegen also brachte es meine Computer-Tasche bis zur Konferenz. Es war nicht wegen des Computers, der ja nicht funktionierte. Es war wegen des Rosenkranzes, der in der Tiefe der Tasche lag. Ich sagte Immaculée, ich sei mit aller Macht daran interessiert, mit ihr den Rosenkranz zu beten. Sie dankte mir und sagte mir, wir würden uns am Morgen wiedersehen. Was war mir passiert? All diese „Koinzidenzien“, an die ich zufälligerweise nicht glaube, kamen in solch orchestrierter Weise daher, dass ich wusste, ich war in dem Mysterium und ich war Teil von etwas Außergewöhnlichem und Geheiligtem.

 

Am nächsten Morgen, dem Samstag, hatte ich ein Seminar um halb neun. Ich machte mir nichts draus. Ich ging stattdessen zum Rosenkranz. Um 6 Uhr morgens öffnete ich mit dem Weckerklingeln die Augen. Ich duschte, zog mich an, trank eine Tasse Kaffe, zog den Rosenkranz von tief unten aus der Computer-Tasche hervor und machte mich zur Lobby auf. Ich konnte Immaculée nirgends finden. Sofortige Enttäuschung. Ich schlich mich zum Front-Schalter durch und fragte danach. Niemand wusste was. Sie verwiesen mich zum Registrierungsschalter der Konferenz. Ich fragte die Frau an dem Konferenz-Registrierungsthresen, sie schaute mich an, als wäre ich eine Art Nutte. Ich erklärte, es handle sich um so was wie einen Einfall, um etwas, was gestern abend arrangiert wurde. Eine der Frauen ging zu einem Walkie Talkie und jemand sprach zurück, Immaculée treffe sich mit einigen Leuten an der Bar. Ich machte mich rennend auf die Socken und lachte darüber, dass der Rosenkranz in einer Bar stattfand.

 

Als ich dort ankam, saßen etwa fünfzehn Frauen auf Sofas und Stühlen um Immaculée herum. Auf einem Sofa war ein Platz frei. Ich setzte mich prompt hin. Immaculée beantwortete einige Fragen zu ihrer Erfahrung während des Völkermords. Dann überreichte sie Kopien mit Informationen über den Rosenkranz. Jetzt war es halb neun, und die Gruppe war geschrumpft (Leute gingen zu ihren Seminaren). Immaculée erklärte den Rosenkranz selbst, indem sie den ihren hochhielt. Fast fielen mir die Augen aus dem Kopf. Außer der Tatsache, dass ihr Rosenkranz aus kristallklaren Kügelchen (der meine war blau-kristall) bestand, waren unsere Rosenkränze identisch, dasselbe Kruzifix – ein ungewöhnliches Kruzifix – und alles weitere auch. Während ich ganz sicher bin, dass der Rosenkranz in meinem Besitz aus dem Hause meiner Mutter stammte, bin ich mir nicht recht sicher, wie er in meine Computer-Tasche kam. Als das eigentliche Gebet / die eigentliche Meditation des Rosenkranzes im Gange war, warf Immaculée immer wieder die Bedeutung der sorgenvollen Mysterien ein. Von dem Zeitpunkt an, wo wir zu Beginn das Zeichen des Kreuzes machten, bis zum Zeichen des Kreuzes zum Ende weinte ich. Es war, als hätte jemand einen Wasserhahn aufgedreht. Ich war nicht aufstampfend oder hysterisch, doch die Tränen formten ein langsames, ein stetes Rinnen mein Gesicht herunter. Der kleine Raum, in dem wir saßen, hatte solch eine unglaublich spirituelle Energie, dass es jenseits der Worte ist. Beim Gebet bemerkte ich, wir waren zu acht geworden, genau dieselbe Anzahl von Frauen, die 91 Tage in dem Badezimmer in Ruanda zusammen verbracht hatten. Es war so machtvoll. Ich hatte kein Kleenex bei mir, und einmal dann stand ich auf und ging zu der geschlossenen Bar hinüber, um mir ein oder zwei Servietten zu holen – keine Servietten da. Ich fragte die Frauen neben mir, ob sie ein Kleenex haben, und sie hatten keins. Also diente mir mein Kleid als Schwamm. Als wir den Rosenkranz beendet hatten, umarmte ich und dankte ich Immaculée. Ich kaufte eine Tasse Kaffe, ging nach draußen, und setzte mich an den Pool. Es war Sonntagmorgen, in der Stille der Frühe, und ich war die Einzige hier. Im Folgenden meine unmittelbar niedergeschriebene Resonanz:

 

 

 

 

13. November 2005

 

Kälteschauer hüllen mich von Kopf bis Fuß ein, obgleich es hier draußen wohl etwa 24 Grad hat. Ich habe soeben mit Immaculée aus Ruanda das kraftvollste Rosenkranzgebet gesprochen. In meinem Herz den Schmerz zu spüren, und sei es auch nur der Schmerz aus zweiter Hand, den diese Frau durchlebt hat, und ihre glühende Energie des Vergebens zu fühlen, ist derart viel für mich, dass ich es in mich einlasse und für mich annehme, dass dann das Gefühl zu einer Höhe emporgehoben wurde, den mein Körper nicht mehr fassen kann. Mein Weinen kommt von tief innen, und läuft unaufhaltsam mein Gesicht herunter und auf meinen Busen, wo ich mein Herzschlagen unter ihm fühlen kann. Ich habe jetzt kein Kleenex, auch nicht während des Rosenkranzes. Die Tränen sind so tief. Immaculée hat so sehr gelitten, sie verbrachte 91 Tage in einem 90 x 120 cm großen Badezimmer zusammen mit sieben weiteren Frauen, sie ging mit 50 kg Körpergewicht hinein und verließ diesen winzigen Würfel mit bloß 27 kg. Ihr Vater, ihre Mutter und ihre Brüder wurden mit Macheten zu Tode gehackt – ethnische Säuberung. Ich verstehe diesen Hass nicht. Sie sagte jeden Tag den Rosenkranz, einige Male am Tag, mit dem Rosenkranz, den ihr ihr Vater übergab, als sie sich zu verbergen hatte, und sie weiß, dass ihre Liebe Christi und Gottes die Ursache dafür war, dass sie überlebte. Immer dann, wenn sie zu dem Teil im Vater Unser „vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ kam, unterbrach sie, wie sie sagt, und sie tut das immer, wenn sie den Rosenkranz betet, weil sie nicht weiß, wie sie Jenen je vergeben kann, die sich an ihrer Familie schuldig gemacht haben, aber sie weiß, sie vergab. Wie schön in aller Macht für sie, fähig zu sein, den Rosenkranz überhaupt zu beten, aber ihn zu beten in einem ehrlichen Wissen um jene Worte, und jedes Mal daran erinnert zu werden, während sie diesen Gebetsteil bekennt, dass sie die wahre Bedeutung kennt. Das ist jenseits meines Begreifens. Sie bat und betete um Gottes Gunst und hatte einen Glauben, der es so verfügte. Während sie den Rosenkranz mit uns sieben führte, weint eine jede von uns. Ich habe keinen Grund, mich zu beklagen. Genau vor dem sorgenvollen Mysterium Christi, der das Kreuz trägt, sagte Immaculée, während sie einer jeden von uns in die Augen schaute: „Woran wir uns erinnern müssen – Christus trug Sein Kreuz unter derart qualvollen Umständen“, sie machte eine Pause und fing an zu weinen. „Woran wir uns erinnern müssen – Gott, Christus, möchte nicht, dass wir weinen, wir sollten uns vielmehr daran erinnern, dass Christus für uns starb, und dass alle von uns Opfer bringen, und dass wir sehr verbunden sind. Wir sind alle eins, wie es unsere Tränen augenfällig bezeugten.“ Ich werde nie wieder derselbe Mensch sein, der ich gestern war, nie mehr. Und hier sitze ich unter einem hinreißend blauen Himmel, in Sonnenlicht gebadet, in ein Badehandtuch hineinschluchzend. Oh mein Gott, danke, danke, danke. Immaculée, gesegnet seist du und danke dir.

 

 

Nicht ein Tag ist seit dieser Veranstaltung vergangen, wo ich nicht daran dachte. Die Primäre Antriebsmaschine führt derart außerordentliche Symphonien auf. Während ich weiß, die Musik ist allgegenwärtig, ist es das Hören auf jede Note und ist es das Vernehmen ihrer Aussagekraft für das ganze Stück, was das spirituelle Begegnen erschafft. Ich bin für immer dankbar, gesegnet und glücklich.

 

Meine Tochter spricht immer noch von ihrer Erfahrung bei der Konferenz. Auch sie glaubt, sie hatte ein wahres Erwachen.

 

Ich habe diese Erfahrung mit einem Dutzend Menschen geteilt. Ich kaufte sogar die Aufnahme des abendlichen Vortrags, und transkribierte sie so, dass ich Teile davon mit Jenen lesen konnte, denen ich meine Geschichte weitererzählt hatte. Die Schönheit besteht darin, jeder bedankte sich bei mir dafür, dass ich sie habe teilhaben lassen, und ich spüre, ich habe einen positiven Einfluss auf ihr Leben genommen. Ein älterer Herr, den ich nicht einmal wirklich kannte, als ich die Geschichte herumreichte, weinte und sagte zu mir, ich sei das Beste, was ihm seit langer Zeit geschehen sei, und dass ebendas selbst eine Gabe darstelle, die ich bei mir tragen müsse: jeden Tag für den Rest meines Lebens das Beste sein, was sich in jemandes Leben ereignet. Das ist ein gutes Ziel, meint ihr nicht auch?

 

Während ich eine Danksagung an beide, an Dr. Dyer und an Immaculée, geschrieben habe – der beste Dank, den ich ihnen geben kann, ist, diese Geschichte weiterzuerzählen und zu versuchen, die Inspiration weiterzutragen. Ich hoffe, sie flößt euch dasselbe Maß an spiritueller Energie ein, die sie mir überreichte.

 

Mit Segenswünschen,

Nannette Rogers Kennedy

Fort Collins, Colorado