Menschlicher und menschlicher werden ...

Wie der Mensch dazu kommt, sich als Mensch zu fühlen ....

... und was das mit den zuweilen oder öfters entsetzlichen Zuständen in den Alten-Pflegeheimen hierzulande zu tun hat. Was dort geschieht: Auf den Kern gebracht ... sich dort noch als Mensch zu fühlen, wird geradezu entkernt.

Dieser Tage sandte mir Frau Rosemarie Friemel-Liétard ein Interview zu, das die Zeitschrift „Heilberufe“ [2/2007] mit ihr führte. Dabei geht es zum einen um die Zustände in den besagten Häusern (Frau Friemel-Liétard ist Mitglied im Pflege-Selbsthilfeverband e.V – www.pflege-shv.de – und hat ihren eigenen Vater in ein Heim zur Pflege gebracht), zum anderen darum, wie dem abzuhelfen ist. Ein Pflegekonzept unter dem Titel „L'Humanitude“ [Menschsein] der beiden Franzosen Yves Gineste und Rosette Marescotte ( www.cec-formation.net – in Frz.), das seit 25 Jahren in Praxis steht und beobachtbare Ergebnisse aufzuweisen hat, hat sichtbare, messbare und selbstverständlich für den Pflegeempfänger fühlbare Veränderungen der anhaltenden Art erbracht. Dieses stellt Frau Friemel-Liétard vor. Ich möchte an unserer Stelle kurz anreißen, mit welchen Zuwendungs-Änderungen bei dieser „Humanitude“-Art-von-Fürsorge für die Pflegeempfänger ein höheres Wohlbefinden erreicht wurde ....

  • Jegliche pflegerische Handlung, gleichgültig wie gesprächsfähig der zu Pflegende ist oder wie er es nicht mehr ist, wird vonseiten des Pflegenden mit Worten begleitet – kein Schweigen – geschweige denn ein Beschweigen.

  • Es sind spezifische Arten von Berührungen ausgearbeitet. Dabei ist Sanftheit das Wichtigste.

  • Kontaktaufnahme“ - 20 Sekunden bis 3 Minuten Zeit hernehmen, um mit dem Menschen, der Verhaltensauffälligkeiten aufweist, in Verbindung zu kommen, und diese Verbindung erspüren und bekräftigen.

  • Sämtliche Pflege“akte“ werden so ausgeführt, dass der Betroffene sich als Mensch fühlen kann; nicht als „Gegenstand“. „Alleine die fehlende Wertschätzung als Mensch, die sich meist unbewusst in routinemäßigem Pflegeverhalten ausdrückt, kann Aggressionen auslösen oder Depressionen verstärken.“

  • Gineste und Pellessier nennen vier Säulen, die das Menschsein umfassen: Blick - Sprache – Berührung – aufrechte Position. Um sich im Menschsein fühlen zu können, braucht es von jeder dieser Säulen ein Grundmaß.

Die Beraubung dieser Dimensionen des Menschseins, insbesondere in geschwächten Situationen und Dauerzuständen unter Menschen vonstatten gehend, empfindet der Pflegeempfänger (wenn er denn an der Stelle überhaupt so genannt werden sollte; er ist eher ein Kräfteberaubter) als entmenschend. Die Kräfte des ohnehin bereits Entkräfteten schwinden in solchem Milieu umso mehr.

Die Relativierung macht den Menschen zum Menschen. Die Absenz des Relativen macht das Göttliche zum Göttlichen, und setzt in Jenem das Verlangen frei, sich anhand eines Gegenübers erfahren und in das Relative eingehen zu mögen. Das übermittelt uns GmG. „Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit den Menschen, welche dem Leben seinen Wert geben“, wird in dem Zeitschriften-Artikel der Begründer des humanistischen Bildungsideals, Wilhelm von Humboldt, zitiert. Die Shona aus Südafrika sagen: „Ein Mensch wirst du erst, sobald andere zu dir sagen, du seiest einer.“

Wir Sind Alle Eins. Das bedeutet ...

wenn wir unsere Beziehung, unsere Relation, diejenige zu unserem Nachbarn, zu unserer/m Geliebten, zu unserem Hofpflaster, zu unserem Bundespräsidenten, zu demjenigen, der uns stinkt, intensivieren und menschlicher und menschlicher machen, dann machen wir es auch den Pflegeempfängern in den entsprechenden Heimen, und den hungrigen Kindern, Müttern und Vätern da und dort in den sog. armen Ländern menschlicher und menschlicher. Es gibt keinen Grund, nicht da, und nicht dort, nicht am örtlich Zuhandenen und nicht am weiter Entfernten damit zu beginnen.

[2.3.07 - ThB]