Banker "auf Abwegen" ? - Die Grameen-Bank in Bangladesh - Friedensnobelpreis 2006 - Bemessungen 7/2007

 

»- Das VERTRAUEN DER ÄRMSTEN auf sich selbst -«

 

 

Die Grameen zugrunde liegende Prämisse ist

» verbunden mit dem Auftrag der Armut zu entkommen, einfache Leute aus den Abhängigkeiten von Wucherern und Mittelsmännern zu befreien. Kleinbauern ohne Grundbesitz brauchen Zugang zu Krediten, ohne die sie keine eigenen Unternehmen aufbauen könnten, wie klein sie auch sein mögen. Dem traditionellen bäuerlichen Gesuch zum Trotz (bei dem "kein Land" "kein Kredit" bedeutet) setzt die Grameen Bank zum - erfolgreichen - Gegenbeweis an. Kredite für die Armen sind kein unmögliches Unterfangen, ganz im Gegenteil: Kredite geben den Kleinbauern die Möglichkeit, ihre eigenen Werkzeuge, Ausrüstungen oder andere notwendige Produktionsmittel zu bekommen und mit ihrem Unternehmen ein Einkommen zu erhalten, das sie aus dem Teufelskreis von "geringes Einkommen - geringe Ersparnisse - geringe Investitionen - geringes Einkommen" entkommen lässt. Anders gesagt: Das Vertrauen des Bankers ruht auf dem Willen und der Leistungsfähigkeit der Kreditnehmer, ihre Unternehmen erfolgreich zu führen/in ihren Unternehmen erfolgreich zu sein. «

 

…. so aus der Website www.grameen.de. Prof. Muhammed Yunus erhielt den Friedensnobelpreis 2006. 1974 gegründet arbeitet die aufs Einfachste aufgebaute Bank heute mit Zig-Millionen Kreditnehmern unter den Ärmsten der Armen zusammen … ETWAS WAS FUNKTIONIERT … eine Organisation, DIE FUNKTIONIERT und ihren Zielen gerecht wird, eine Organisation, die durch ihre Zielführendheit immer mehr „Kunden“ anlockt(e) … etwas, was uns zur Anregung dienen mag.

Es gibt Dinge,

- die zu machen sind,

- die zu einem Erfolg auf gegenseitigem Vorteil beruhen,

- die sich nicht erlangen ließen, ohne sich zu organisieren,

- die aus der Idee eines Einzelnen Umstoßendes erwirkten,

- die sich ‚wie von selbst’ ausbreiten …..

 

Weitere Beschreibungen dieser Einrichtung lassen sich unschwer im Internet finden.

 

[Th.B. 7/11/06]

 

 

 

» Eine Filiale bestehend aus einem Filialleiter und einigen Center-Managern betreut etwa 15 bis 22 Dörfer. Filialleiter und Center-Manager besuchen zunächst die Dörfer, um sich mit den lokalen Begebenheiten ihres Aufgabengebiets vertraut zu machen. Sie identifizieren dabei die voraussichtlichen Kreditnehmer und erklären der Bevölkerung das Ziel, die Funktionen und die Arbeitsweise der Grameen Bank. Es werden Gruppen von fünf potenziellen Kreditnehmern gebildet. In der ersten Phase erhalten nur zwei von ihnen einen Kredit. Die Gruppe wird einen Monat lang aufmerksam beobachtet, um festzustellen, ob die Mitglieder die Regeln der Bank einhalten. Nur wenn die ersten zwei Kreditnehmer den Kredit plus Zinsen zurückzahlen, haben die anderen Mitglieder der Gruppe selbst Anspruch auf einen Kredit. Diese Einschränkung ruft einen beachtlichen Gruppendruck hervor, der die individuellen Verhältnisse klärt. In diesem Sinn dient die gemeinsame Verantwortung als Sicherheit für den Kredit.

Die Kredite sind klein, aber sie reichen aus, um die Kleinst-Unternehmen der Kreditnehmer zu finanzieren: das Schälen von Reis, Maschinenreparaturen, der Kauf von Rikschas, Milchkühen, Ziegen, Kleidung, Töpferwaren usw. Der Zinssatz für alle Kredite beträgt 16 Prozent. Die Rückzahlungsquote liegt derzeit bei 95 Prozent, begründet durch Gruppendruck und Eigeninteresse ebenso wie durch die Motivation der Kreditnehmer.

Obwohl die Grameen Bank neben den Kreditgeschäften auch das Sammeln von Ersparnissen verfolgt, kommen die kürzlich verliehenen Geldmittel immer mehr aus den Handlungsbeziehungen der Zentralbank, anderen Finanzinstituten, dem Geldmarkt und von bi- und multilateralen Organisationen. «

 

 

>> Die Angelegenheit "Geld für Arme - Ist Grameen eine Bank oder ein Subventions-Verteilungs-Institut? - Wird durch derartige Mikrokredite Armut beseitigt? Wenn ja, auch anhaltend?" sorgte unter Theophil und Norbert für eine längerwährende Erörterung. Wir haben sie zusammengestellt. Sie kann als ein Beispiel dafür dienen, wie in der Neuen Spiritualität

das Aufzeigen von Fragen,

das Zusammentragen von Material, was zum Entscheiden einer Frage nötig ist,

das Überlassen des Beantwortens und Entscheidens bei dem Leser und Voranschreitenden

von höherer wachstumsfördernder Wichtigkeit sind als die bereits abzulesende Beantwortung von Fragen. << [... wird bald eingestellt ... 11/06]

 

 

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Gewiss gibt es zu einem entwicklungspolitischen Konzept von
derartigem Umfang und Anspruch, wie es das Mikrokredit-Wesen ist, im
politischen Meinungsspektrum unterschiedliche Anschauungen. Dieser Tage
erschien eine solche aus der »linken« Ecke. Ich referiere die Ausführungen von
Frau Christa Wichterich, Soziologin, freie Journalistin und
Universitäts-Lehrbeauftragte, in der »taz« vom 10.7.2007 unter dem Titel
»Kleine Kredite, großer Mythos«.

»Es geht nicht darum, positive Wirkungen von Mikrokrediten
zum Beispiel auf das Selbstvertrauen von Frauen, ihr öffentliches Auftreten und
ihr Ansehen im Dorf zu bestreiten, sondern den Mythos zu knacken, dass ein
Mikroinstrument Individuen in die Lage versetzen kann, die Armut nachhaltig zu
beseitigen. Kleinkredite integrieren die Frauen in die Märkte und überlassen
sie dem freien Spiel der dortigen Kräfte – mit unterschiedlichem Erfolg. Gewiss
helfen sie einigen, ein Geldeinkommen zu erwirtschaften. Doch sie sind
überwiegend zu einem Mittel neoliberalen Armutsmanagements verkommen. Die
makroökonomischen Mechanismen, die Armut erzeugen, lassen sie unberührt. Und
sie politisieren die Armen nicht so weit, dass sie gemeinsam für ihre Rechte
streiten, im Gegenteil: Sie ermuntern sie, auf den Märkten gegeneinander zu
konkurrieren.«

Kleinkredite stehen zur Zeit hoch im Kurs – Weltbank,
Sparkassenverband, die chinesische Regierung, allerhand andere asiatischen
Staaten (neben Bangladesh), afrikanische Staaten, Fonds im Westen für das
Mikrokreditwesen werden aufgelegt – den Entwicklungs-Organisationen wird in dem
Artikel ein Jiepen auf neue entwicklungspolitische Ansätze attestiert. Frauen
gälten dort seit längerem als „untergenutzte Ressource“ – jenseits dessen, dass
ihnen, an anderer Stelle, wiederum die Eigenschaft überantwortet und davon als Tatsache berichtet wird, die
meiste Arbeit innerhalb der kleinen Dörfer, der Slums und der nomadisierenden
Lebensweise in den zersplitterten Sektionen der Moderne auf sich zu nehmen und auf
sich nehmen zu müssen, und demnach, ohnehin bereits überlastet zu sein.

Für jedwede Bank gelte es, sich Sicherheiten zu besorgen.
Die Grameen Bank und ähnliche Banken besorgen sie sich durch die hohe
Rückzahlungsmoral der Frauen unter den Armen und Ärmsten, so Wichterich. Diese
entstehe durch Gruppendruck, »denn die Kredite samt dem stattlichen Zinssatz
von 25 % gehen an Frauengruppen.« Die Frauen kontrollierten sich gegenseitig.
Zudem würden ihnen nicht nur Verantwortungen als Markt-, sondern auch als
Entwicklungsteilnehmerinnen und -initiatorinnen zugemutet, »etwa Bäume zu
pflanzen, Familienplanung zu betreiben, die Kinder zur Schule zu schicken«, und
den Schulbesuch evtl. mit zu finanzieren.

Die »Entwicklungsindustrie« und Frauenorganisationen
begrüßten das Modell, »immer auf der Suche nach handlichen Mehrzwecklösungen«.
Frauen kämen mit den Krediten zu produktiven Ressourcen und könnten sich den Fängen
örtlicher Geldverleiher entziehen. Frau
Wichterich nennt die Koppelung der Mikrofinanzierung an das Konzept der
wirtschaftlichen Eigeninitiative »den Knackpunkt«: »Beide Mikroansätze sollen
eine Makrowirkung haben, nämlich es den Frauen als Kleinunternehmerinnen oder
Selbstbeschäftigten ermöglichen, sich am eigenen Schopf aus der Armut zu
ziehen.«

Dem Menschenrechtsparadigma der UN auf würdiges Leben,
Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, etc. knüpfe Prof. Yunus ein
„Menschenrecht auf Kredit“ an; damit erweise sich sein Konzept als Teil des
neoliberalen, ‚freie’ Marktkräfte als Alles Richtendes am Werke sehenden
Mainstream unter den Wirtschaftskonzepten. Dementsprechend habe das ‚Wallstreet
Journal’
gejubelt: die Mikrokredite seien ein Symbol dafür, „dass der
Kapitalismus ebenso für die Armen funktionieren kann wie für die Reichen“.

Frau Wichterich hält in Erinnerung … Mikrokredite verdrängen
hergebrachte informelle Formen des kollektiven Sparens, Vorsorgens und
kommunalen mutualen Bemühens: etwa, die Tontine in Westafrika, den
„merry-go-round“ in Ostafrika bis hin zu den dörflichen Spargenossenschaften in
Südasien. Für minder verantwortlich vorgehende Regierungen seien
Mikrofinanzierungen Entlastungsprogramme, »um flugs Verantwortung für soziale
Grundverantwortung an die hoch motivierten Frauen und ihre „Eigeninitiative“
abgeben zu können«. In Indien stellten die Mikrokreditprogramme den neuen
überall zum Einsatz kommenden Typ von „Sebsthilfe“ dar. Der frühere Typus von
Selbsthilfegruppen sei am Aussterben. Dort in diesen Gruppierungen wurden die
Fragen gestellt nach dem politischen Überleben und die Fragen nach dem
Geschlechterzusammenleben: »Wem gehört das Land, das Wasser, das Saatgut, der
Körper der Frauen, ihre Arbeit, die Macht im Dorf?« Jetzt gehe alles alleine um’s
Geld. »Der Kredit entpolitisiert die existentielle Frage des Überlebens und
ökonomisiert sie in marktangepasster Form.«

Frau Wichterich hält in »unzähligen Studien« für belegt:
»Ein Drittel der Kreditnehmerinnen schafft den Aufstieg, ein Drittel kann die
eine oder andere Not lindern, aber krebst in einem ständigen Auf und Ab um die
Armutsgrenze herum, ein Drittel gerät in eine neue Verschuldungsspirale und
bleibt arm. Je ärmer die Frauen, desto weniger verbessert der Kleinkredit ihre
wirtschaftliche Situation.«

Die makroökonomischen Strukturen und Mechaniken, die Armut
hervorbringen, lassen die Mikrokredite unberührt.

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Prof. Yunus ist im Frühsommer 2007 in Europa / Dtld. auf
Reise: rund um den G-8-Gipfel in Heiligendamm; der Evangelische Kirchentag 2007
in Köln; vermutlich Bankergeschäftsgespräche mit hiesigen Banken. Dies trifft
zusammen mit einem zunehmenden Interesse von Milliardären der westlichen Welt,
gehörige Summen ihres Vermögens (ich zähle etwa 100 Mrd. $) in Programme zur
Beseitigung von Armut, Aids, Verslumung, des Fortschreitens der Dürre, der
Klimaschäden, etc. zur Verfügung zu stellen. Der „Spiegel“ widmet ab seiner No.
30/2007 dieser Reichsten-Initiative einige Serien-Artikel. Im ersten wird auch
Prof. Yunus abgezeichnet. Dort schildern die Journalisten folgendes Bild von
Yunus’ Vorstellungen eigenverantwortlichen Unternehmens in der Armen-Welt und
teils in der Reichsten-Welt …

»… jeder ist begabt, verantwortungsvoll zu leben,
Verantwortung für sich und die ganze Welt [!] zu übernehmen, wenn man ihm nur
Verantwortung gibt.« Die herrschenden Theoreme des Kapitalismus seien falsch:
Sie bestimmen den Unternehmer ausschließlich als „money maker“, statt ihn als
»Menschen, als soziales Wesen, angefüllt mit Idealen, mit Träumen, mit
Spiritualität« zu begreifen.

Muhammed Yunus will den „social entrepreneur“, »und das
meint viel mehr, als die Wörter sagen«. Demnach lässt sich Profit nicht in
Bilanzsummen lesen und messen, sondern »zeigt sich im Erreichen richtiger
Ziele. Er träumt von Unternehmen, die nach Marktlogik arbeiten, aber mit neuen
Kerngeschäften. Sie sollen handeln mit Gesundheit. Mit Bildung. Mit sauberer
Umwelt. Mit Nachhaltigkeit. Mit Hoffnung.«

»“Wenn jemand hundert Dollar Gewinn macht und gibt davon
fünf Dollar für gute Zwecke, und womöglich nur, um Steuern zu sparen, dann
beeindruckt mich das nicht sehr“, sagt Yunus. „Wenn man aber die hundert Dollar
nähme und mit ihnen in die richtigen Projekte investieren würde – das wäre
etwas anderes.“ Yunus ist „nicht beeindruckt“ von Bill Gates und seiner
Stiftung, „nicht beeindruckt“ von Warren Buffett, der 37 Milliarden Dollar
verschenkte. Er will keinen Ablass, er will eine neue Ethik, eine Weltmoral. Er
sagt: „Beeindruckend wäre gewesen, wenn Buffett mit seinen Milliarden und
seinem Know-how eine Krankenversicherung gegründet hätte für die knapp 50
Millionen Amerikaner, die keine haben – das wäre ein Projekt gewesen.“«

»“Viele Unternehmer haben nur leider keine Ideen.“«

[ThB 27/3/2007]