Zwei Ohrfeigen zum Aufwachen in Indien

»Leprakranke schenken junger Frau aus dem Westen in Indien zwei Ohrfeigen zum Aufwachen«

Einem Menschen, der vor meine Augen tritt – körperlich-persönlich oder abbildlich -, unmittelbar nötige und offensichtlich wichtige Hilfe nicht abschlagen zu mögen, ist Inhalt jedweder Spiritualität. Auch dann, wenn sicher ist, dass die langfristige Hilfe nicht ökonomischer Natur, sondern spiritueller Natur sein muss (da eine spirituelle Ursache vorliegt), ist es nicht geboten, einen Hungernden, Verstoßenen, einen wie als sei er Abfall Behandelten zunächstmal zur spirituellen Schulung zu bitten, zu rufen oder zu verbringen. Da ist es auch nicht geboten, auf die Vordringlichkeit spiritueller Unterweisung hinzuweisen, und sich ausschließlich, an der Hilfe-Situation vorbeigehend, jener zu widmen.

Kurz, Hilfe ist dort angesagt auszubringen, wo sie sowohl notwendig ist als auch unmittelbar innerhalb der Grenzen unserer Möglichkeiten leistbar ist.

Spirituelle Hilfe auf den Weg zu bringen, schließt nicht aus, humanitäre, finanzielle, medizinische, etc. Hilfe auch mit auf den Weg zu bringen.

 

 

Reinhold Beckmann hatte gestern unter anderem den Formel-1-Rennfahrer Ralf Schumacher bei sich im Fernsehstudio zu Gast. Beide verabredeten sich in der Sendung zu einer Reise nach Benares, Indien, um dort ihre allerhand Kräfte für ein Projekt für Leprakranke und Straßenkinder einzubringen. Zweimal zogen sich ihre Arme und Hände einander über den Tisch, als es darum ging, sich darin zu kräftigen, dies auszuführen, und in Vorfreude darauf, hilfreich sein zu können, einander die Gesichter zu leihen. Ausgelöst hatte dies ein Lächeln.

 

Lächeln - - das ist Liebe, eine in eine verkündende Ausprägung verbrachte Liebe. Lächeln - - das ist DIE Form der Liebe, die auf schlichteste Weise weltumspannend ein Netz der Verbundenheit aufspannt; indem sie im Lächeln, reizend, anlockend und verlockend, zur Wieder-Gabe ermunternd, ihre Existenz kündet und ihre Macht vervielfältigt und vergrößert.

 

Stella Deetjen, Mitte dreißig, ist auch zu Gast bei Reinhold Beckmann [stella, lat. = Stern]. Sie lebt seit 12 Jahren in Benares. Mit 24 ist sie als Rucksacktouristin, ein halbes Jahr vor ihrem geplanten Fotografie-Studium, dort angekommen, und hat wie so viele Touristen in den ersten Tagen einen entsetzlich schlimmen Magen erhalten. »Ich saß auf den Treppen zum Ganges, und krümmte mich. Auf einmal kommt ein alter Mann zu mir, offensichtlich mit Lepra, keine Finger, schaute mich an, und fragt mich, ob er mir helfen könne. Und das hat mich in dem Moment so berührt, denn ich dachte mir, ich bin die reiche Touristin, … wenn, dann müsste ich ihm diese Hilfe anbieten, und ich habe es mich nicht getraut vorher. Er segnete mich dann. Und durch diese menschliche Wärme – also, ich merkte schon, er berührt mich jetzt, das erste Mal, dass mich ein Leprakranker berührt, …. die menschliche Wärme war so groß, die auf mich zuströmte in dem Moment, dass ich keine Angst haben konnte. Und so konnte ich wieder aufstehen, ging weg, am nächsten Tag suchte ich dann diesen Mann, um mich zu bedanken. Ich schenkte ihm ein paar Kleinigkeiten. Und fragte ihn nach seinem Namen. Er sagte mir: ‚Kind, warum fragst du nach meinem Namen? Seit 14 Jahren fragte mich keiner mehr nach meinem Namen [zur Informierung: Leprakranke werden ganz aus der Familie ausgestoßen; auch ihr Name darf nicht mehr ausgesprochen werden; ThB]?’. – Das war im Prinzip die zweite Ohrfeige, um aufzuwachen.«

Ist man einmal bei den Unberührbaren, so ist man selbst unberührbar - - und so bleibt sie bei den Leprakranken, als Jene von der Polizei mit Stöcken auf Lastwagen getrieben wurden. Eine historische Erinnerung taucht in der Deutschen namens Stella auf – sie steigt mit ihnen auf die Pritsche.

Und so weiter.

Sie baut eine Straßenklinik auf. Nachdem sie den Pulk der Kranken nach 3 Monaten durch geschicktes Taktieren wieder aus den Gefängniszellen herausgeführt hat, sagen sie zu ihr: »Bitte, bitte, bleibe hier. Fahre nicht mehr weg. Fahr nicht nach Europa. Gib uns Medikamente.« [Lepra ist durch Medikamente im Krankheitsfortgang zu stoppen.]

Sie blieb. Und so weiter.

»Ich bin zu ihr [Mutter Teresa in ihrem letzten Lebensjahr] hingegangen, habe ihre Füße berührt, wie man es so macht in Indien, wenn man Ehre geben möchte, und sie sagte zu mir: ‚Kind, arbeitest du für meine Leprakranken?’ – ‚Ja, ich arbeite in Benares für Leprakranke.’ Ich hab sie dann gebeten, mein Projekt zu segnen. Und mir hat es einfach sehr viel gegeben, diese wunderschönen großen Augen zu sehen, die voller Güte waren, die voller Gnade waren. Diese Frau hat gearbeitet, ein ganzes Leben lang, das hat mir ganz viel Energie gegeben« [1997].

Sie sitzt im Fernseh-Studio neben Ralf Schumacher. Sie möchte die Prominenten dafür gewinnen, sich mit Leprakranken ablichten zu lassen; dass sie zu Botschaftern für ihre Mission der Akzeptanz gegenüber den Kranken werden.

Und … ich glaube, sie hat es geschafft. Reinhold Beckmann und Ralf Schumacher werden zusammen nach Benares fahren, und schauen, wie sie sich dort mit ihrer Medienwirksamkeit nützlich machen können für die Ziele, die ihnen Stella Deetjens voller Lächeln in der Sendung vorstellte.

»Meine eigentliche Bestätigung ist das Lachen dieser Kinder, meiner Leprapatienten, die jetzt wieder rehabilitiert sind und irgendwo leben.«

 

 

Anlässlich des von Michail Gorbatschov verliehenen »Women’s World Award of Hope« 2006 hält Stella Deetjens folgende Dankesrede ….

 

[Weitere Preisträgerinnen in unterschiedlichen Kategorien waren Königin Noor von Jordanien, Claudia Schiffer, Whoopi Goldberg, Sarah Sarandon, Sharon Stone, Lucy Liu, die Nasa-Chefin Shana Dale, Dr. Robin Herbert, Billie Jean King, Mary J. Blidge.]

 

 

»Ich danke sehr für diese Auszeichnung, die ich im Namen der Leprabetroffenen und der Kinder entgegennehme, denn sie sind die Blüten der Hoffnung.
Ich hoffe sehr, dass dieser Preis Türen öffnet für ein vergessenes Thema: Lepra. Leprakranke werden völlig von der Gesellschaft ausgeschlossen, sie erhalten keinerlei medizinische oder soziale Hilfen noch Informationen, viele wissen gar nicht, dass ihre Krankheit heilbar ist. Doch Lepra ist heilbar in jedem Stadium! Nach der ersten Medikamenteneinnahme sind die Patienten nicht mehr ansteckend, sie müssen also nicht isoliert werden, sie benötigen lediglich die Medikamente. Die Medizin ist günstig, es fehlt lediglich am Willen und Einsatz.

Die Kranken leben als Unberührbare obdachlos am Rand der Straße wie Straßenhunde, sie haben keine Lobby oder eine Berühmtheit, die sich schützend vor sie stellt und ihnen ihre Stimme leiht. Sie sind die, die ganz unten sind, tiefer als unberührbar und namenlos zu sein geht nicht mehr.

Bitte helfen Sie mit, damit wir durch diese Tür, die sich hier öffnet, durchgehen können. Ich habe viele Pläne, wie wir effektiv die Situation für Leprabetroffene ändern und vor allem kulturorientierte Aufklärung betreiben können, damit wir das Stigma, das auf dieser Krankheit haftet, auflösen werden. Bitte lesen Sie nach unter ‚One Drop of Hope Projekt’.

Gemeinsam wird selbst eine unmögliche Aufgabe lösbar, ich bin bereit, meinen ganzen Einsatz, meine Energie, Erfahrung, Arbeit und meine Herzenskraft zu geben, um eine sichtbare Veränderung herbeizuarbeiten.

Bitte fügen Sie einen Tropfen hinzu,
Alles Liebe und Gute, Ihre Stella Deetjen«

 

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Zur Website des Lepra-Projektes ...

 

[ThB – 12/06]